Die Apokalypse der Bücher
Die Zukunft, die Ray Bradburys 1953 erschienener Roman «Fahrenheit 451» in Aussicht stellt, wären eigentlich unsere in Schrecken und Düsternis versunkenen Tage. «Seit 1960 haben wir zwei Atomkriege entfesselt und gewonnen», heisst es einmal, und ein dritter Atomkrieg mit Feuerstürmen und ausgelöschten Städten liefert die Bilder für den Showdown der Erzählung.
Die historische Erfahrung, die sich in dieser apokalyptischen Zukunft der Romanhandlung spiegelt, ist der Anfang der fünfziger Jahre des Kalten Krieges und der McCarthy-Ära in den USA. Die künftige Gesellschaft, die Bradburys Imagination entwirft, ist vom Staatsterrorismus der perfekten Mind-Control und des Medien- Entertainments narkotisiert. Fernsehen läuft über alle Wände der Wohnzimmer, iPod-ähnliche Sound-Maschinen bewohnen die Hörorgane, Staatsangestellte bewegen sich elektronisch ferngesteuert, und ein behördlich geförderter Konsum von Schlaf- und Beruhigungsdrogen hält die Leute auf niedrigstem Reizniveau. Vor allem aber sorgt diese terroristische Staats-Eudämonie dafür, dass die Bevölkerung keine Literatur liest und ohne Gedächtnis lebt. Eine ganze Bürokratie ist mit dem Aufspüren bedruckten Papiers und mit der Beseitigung seiner Eigentümer beschäftigt. Die Literaturprofessoren leben inzwischen in kleinen Clans in der Wildnis.
Eine betäubte Seele erwacht
Man könnte Bradburys Geschichte auch als Bildungsroman lesen. Guy Montag ist «Fireman». Sein Job ist es nicht mehr, dem Feuer zu wehren; vielmehr soll er mit seinen Kollegen alle verheimlichten Literaturbestände vernichten. Die gefundenen Bücher werden mit Kerosin besprüht und in Brand gesetzt. Die Temperatur, die erreicht werden muss, trägt jeder Fireman als Zeichen auf Helm und Uniformärmel: Bei 451 Grad Fahrenheit entzündet sich das Papier und wird zu Asche.
Es sind zwei Ereignisse, die den gedankenlosen Fireman Montag zum Dissidenten machen: Er begegnet einem jungen Mädchen namens Clarissa, die sich den Sinn für Poesie und für die durch Turbinenautos und Fernsehen unsichtbar gewordene Natur bewahrt hat. Sie berührt ihn durch ihre Spontaneität und durch die unerwartete Frage, ob er glücklich sei. In Montags von Medien und Konformismus betäubter Seele keimt die Ahnung der Liebe auf. Kurz darauf muss er erleben, wie eine Frau, deren eben entdeckte Bibliothek verbrannt werden soll, ein Autodafé inmitten ihrer Bücher veranstaltet, indem sie den Kerosinteppich und sich selbst in Flammen aufgehen lässt. In diesem Augenblick erwacht in Montag ein zweites Ich, seine Hand birgt eines der Bücher, die durch die Luft fliegen. Ihm dämmert, dass die Welt nur mit Hilfe von Literatur zu retten sei.
Nun versucht Montag, auch seine Frau Mildred für diese Idee zu gewinnen. Sie ist aber bereits rettungslos von Schlaftabletten und interaktiven TV-Shows benebelt. Verzweifelt sprengt er ein TV-Kränzchen, indem er den entsetzten Freunden seiner Frau ein Gedicht von Matthew Arnold vorliest. Die Dinge eskalieren. Montags heimlicher Buchbesitz wird bekannt, und er wird gezwungen, mit eigener Hand sein Haus in Feuer und Asche zu legen. Als er daraufhin seinen Vorgesetzten mit einer Feuergarbe tötet, muss er um sein Leben fürchten. Er findet Zuflucht bei einem ehemaligen Anglistikprofessor, der vierzig Jahre zuvor sein Amt verloren hat. In dessen Wohnung kann Montag live im TV beobachten, wie Jagd auf ihn gemacht wird. Die Behörden verfolgen ihn mit einem mechanischen «Hund», einer mit den Körperdaten der Verdächtigten programmierten Maschine, die die Leute gleich durch einen Stich mit einer Giftnadel erledigt. Auf dem Bildschirm sieht er dann, wie an seiner Stelle ein harmloser Spaziergänger das Opfer der Maschine wird.
Der alte Professor weist Montag den Weg zu den versprengten Literaturfreunden in der Wildnis. Als er zu ihnen stösst, stellen sie sich als lebendige Gedächtnisse der Weltliteratur vor. Sie haben die zu Asche gemachte Weltliteratur auswendig gelernt, und dies erlaubt die undenkbaren Sprechakte: «Ich bin Platons 'Staat'. Möchtest du Marc Aurel lesen? Simmons ist Marc Aurel.»
Rettung durch die Poesie?
Montag wiederum trägt in seinem Gedächtnis den Prediger Salomo und das apokalyptische Buch der Offenbarung. «Fahrenheit 451» ist ein tief romantisches Buch. Der Horror, den der zukünftige Staat, seine Agenten, Maschinen, die Bürger, denen Geist und Seele ausgeschält wurde, die Atombomben-Apokalypse erzeugen, bildet dann doch nur den Hintergrund einer Apotheose der Bücher und des Lesens.
Der Reiz dieses Romans, der erneut verfilmt werden soll und der auf vielen Bühnen in Szene gesetzt wird, liegt in dieser romantischen Vorstellung, dass nach dem Ende der Zivilisation aus der Tiefe der Wildnis die Bücher in lebendiger Gestalt wieder emportauchen und die Kultur noch einmal beginnen lassen. Das Buch, das Bradbury innerhalb von acht oder neun Tagen auf einer für 20 Cents pro Stunde gemieteten Schreibmaschine verfasst haben will, enthält durch die Vision einer totalen elektronischen Kommunikation durchaus Elemente, in denen sich unser neues Jahrhundert wiedererkennen kann.
Aber wird uns die Poesie retten? Der Fireman, der die Apokalypse ist und den deutschen Namen Montag trägt, ruft das Ende und den ersten Tag der Schöpfung auf. Dabei war ihm jede Erinnerung daran verloren gegangen, dass einst die Feuerwehren zu brennenden Häuser eilten. In seinem (literarischen) Unbewussten allein hatten sich diese Bilder gehalten. Als er mit seiner Rezitation des Arnold-Gedichts nur Schrecken und Protest erntet, kommentiert er das Fiasko innerlich: «Das hiess, eine Feuersbrunst mit Wasserpistolen bekämpfen.» Jetzt soll er sogar die Apokalypse löschen. Genau das ist die Botschaft des Romans.
Manfred Schneider
BEGRABT MICH AUF DEM MARS!
Der Schriftsteller Ray Bradbury über Medien, Außerirdische – und ein erfülltes Leben
Stimmt es, dass ausgerechnet der Science- Fiction-Autor Ray Bradbury keinen Führerschein besitzt und nur ungern ein Flugzeug besteigt?
Streng genommen bin ich gar kein Science-Fiction-Autor. Ich habe nur einen einzigen SF-Roman geschrieben, „Fahrenheit 451“. Alles andere ist Fantasy. Und das ist schließlich die älteste Literaturtradition der Welt. Auch Homer war ein Fantasy-Autor.
Aber woher rührt Ihre für einen Einwohner von Los Angeles ungewöhnliche Aversion gegen Autos?
Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, wo man schlicht zu arm war, um sich ein Auto leisten zu können. Übrigens sind auch heute die meisten Menschen zu arm, um sich Autos wirklich leisten zu können, sie merken es nur nicht und verkaufen daher für so einen dämlichen Blechsarg ihre Seele. Als ich mit Ende dreißig genug Geld hatte für ein Auto, waren schon zu viele meiner Freunde bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen, als dass ich noch Lust gehabt hätte, eines zu kaufen.
Und Ihre Flugangst?
Leider habe ich erst vor zwanzig Jahren herausgefunden, dass ich nicht Angst vorm Fliegen hatte, sondern nur Angst vor mir selbst. Bis dahin hatte ich mehrmals für unschöne Szenen gesorgt, weil ich kurz vor dem Start aufgesprungen bin und die Stewardessen buchstäblich angebettelt habe, mich wieder aussteigen zu lassen. Seither fliege ich sogar ganz gern und war an die zwanzig Mal mit der Concorde in Paris.
Haben Sie einen Rat, wie man seine Ängste in den Griff bekommt?
Man analysiert, was einem Angst macht, und im Verlauf dieser Analyse verliert man seine Ängste.
Kann die Literatur dabei helfen?
Unter Umständen. Aber an erster Stelle muss die Selbstanalyse stehen. Wenn Sie Probleme haben, sollten Sie nicht von der Gesellschaft erwarten, sie für Sie zu lösen, oder von einem Psychiater oder von der Literatur. Lösen Sie Ihre Probleme selbst!
Beim Wiederlesen Ihrer in „Space Opera“ gesammelten Werke fällt einem auf, wie stark diese von der Angst vor dem Atomkrieg durchdrungen sind. Diese Angst ist heute fast verschwunden. Empfinden Sie darüber Erleichterung?
Unsere Atomwaffen sind eine zwiespältige Sache. Einerseits war das Leben mit der ständigen Angst vor dem nuklearen Inferno schrecklich. Andererseits haben unsere Atomwaffen die Russen in die Schranken gewiesen und dafür gesorgt, dass nicht der ganze Erdball in jenem Elend versank, in das der Kommunismus Polen und Ostdeutschland gestoßen hat.
Jetzt klingen ausgerechnet Sie wie ein Kommunistenfresser von anno dazumal.
Als vor über 50 Jahren Joe McCarthy und Konsorten ankamen und alle möglichen Leute in Hollywood beschuldigten, Kommunisten zu sein, habe ich eine Anzeige im „Daily Variety“ geschaltet, in der ich sie aufforderte, sich doch bitte wieder ins Jahr 1682 zu den Hexenverfolgungen zu verziehen. Mein Agent erklärte mich damals für verrückt und warnte mich, dass ich niemals wieder Arbeit finden würde. Ich habe nur gesagt, dass ich mich von niemandem zu einem Kommunisten machen lasse.
Mit welchen Konsequenzen?
Ein Jahr später kam John Huston zu mir und gab mir den Auftrag für das Drehbuch zu seiner Verfilmung von „Moby Dick“. Da habe ich meinem Agenten gesagt: Siehst du? Es zahlt sich aus, Widerstand zu leisten und für eine Zukunft zu kämpfen, die man haben will, statt sich einfach mit allem abzufinden.
Wie groß sind Ihre Hoffnungen heute noch in das politische System der USA?
Meine Enttäuschungen liegen auf anderem Gebiet – zum Beispiel, dass nicht mehr Länder die Demokratie eingeführt haben. Afrika ist eine einzige Katastrophe. Überall regieren Wahnsinnige.
In Ihrem berühmten Roman „Fahrenheit 451“ ist der Feind des Lesers der Staat. Wer ist der Feind von uns Lesern heute? Immer noch der Staat oder eher die Großkonzerne oder die Medien?
Eine Mischung aus allem. Die Erfindung des Computers, der Medien, von all dem, was über Leitungen oder drahtlos durch die Luft zu uns in unser Heim eindringt, all diese Spielzeuge, nach denen wir süchtig geworden sind; im Zentrum von all dem steht einfach ein bedauerlicher Mangel an Grips, an Intelligenz. Wenn wir noch mehr Kino und Fernsehen und noch mehr E-Mail wollen, müssen wir dafür sorgen, dass dahinter auch Grips steht.
Wie bringt man Grips in die Medien?
Man muss dafür sorgen, dass die klügsten Köpfe ins Kino und Fernsehen gehen. Und dass die Medien nicht der Linken oder der Rechten gehören, sondern schön in der Mitte bleiben.
In Ihren Erzählungen qualmen sich die Kapitäne Ihrer Raumschiffe noch die Lunge aus dem Leib. Wo hat unsere Gegenwart Ihre Zukunfsvisionen eingeholt?
Das Wichtigste ist die Bedeutung des Fernsehens und der Computer in unserem Leben. Das wurde völlig unterschätzt. Mir kommt es vor, als hätten wir uns nicht vernünftig informiert, ehe wir uns mit diesen Spielzeugen zu amüsieren begannen.
Wenn heute Außerirdische mit ihrem Raumschiff im Vorgarten Ihres hübschen Häuschens hier in Los Angeles landen würden, was wäre Ihre Frage an sie?
Glauben Sie an Gott? Und natürlich würden die Außerirdischen an Gott glauben, denn sie kommen ja aus dem Universum. Das Universum ist so riesig, dass wir uns verschiedene Namen für die Schöpfung, den Kosmos und für Gott ausgedacht haben. Und darüber führen wir Krieg – was für eine Idiotie! Wir sollten uns einfach damit abfinden, dass wir entgegen jeder Plausibilität auf diesem Planeten leben: ein unmöglicher Haufen in einer unwahrscheinlichen Welt. Sollten Außerirdische hier landen, würde ich sie daher fragen: Was bedeutet das Leben für Sie? Bedeutet es dasselbe wie für mich? Nämlich wie herrlich die Gabe des Lebens ist!
In „Der illustrierte Mann“ schreiben Sie über katholische Priester, die Marsianer missionieren wollen.
In dieser Geschichte lernen die Menschen von den Marsianern und umgekehrt.
Ein Katholik müsste einwenden: Blasphemie!
Was immer die Herrlichkeit der Schöpfung verherrlicht, kann niemals Blasphemie sein.
Wie erklären Sie sich, dass so wenige Frauen Science-Fiction und Fantasy lesen?
Das war schon immer so. Wir Männer sind nun mal eher die mechanischen Schöpfer: Frauen erschaffen das Fleisch, wir Männer erschaffen die Welt. Manchmal ist das, was wir erschaffen, etwas Böses, das Auto zum Beispiel, und manchmal ist es das Raumschiff, mit dem wir zum Mond geflogen sind. Wir Jungs sind ganz vernarrt in unsere Spielzeuge, wir sind Tüftler und Schrauber und lieben nichts mehr, als eine Zündschnur anzuzünden und eine Rakete in den Himmel steigen zu lassen.
Sie nähern sich Ihrem 90. Geburtstag. Haben Sie so etwas wie einen Tipp, wie man ein erfülltes Leben führt?
Die einzige Antwort, die ich habe, lautet: Tu, was du liebst, und liebe, was du tust! Man sollte niemals etwas tun, was man nicht liebt. Die meisten Filme und Bücher heute werden von Menschen gemacht und geschrieben, die das Leben nicht lieben. Die würde ich am liebsten in den Hintern treten und Ihnen sagen: Verdammt noch mal, Ihr seid lebendig! Das ist ein Wunder, es ist großartig, du kannst lieben! Wenn du also dein nächstes Buch schreibst oder die nächste politische Partei gründest, dann muss das aus Liebe zur Menschheit geschehen und um den Menschen beizubringen, wie man liebt. Wenn du nicht tust, was du liebst, dann ändere das, und zwar sofort!
Wie kann die Literatur dabei helfen?
Ich glaube weder an Lehrer noch an Universitäten, ich glaube an Bibliotheken. Die ideale Ausbildung besteht in meinen Augen darin, dass man sich zehn Jahre in eine Bibliothek setzt, ein Buch nach dem anderen liest und auf diese Weise allmählich zu Sinn und Verstand kommt.
Was wünschen Sie sich heute?
Ich hoffe, dass wir auf dem Mars gelandet sind, bis es für mich ans Sterben geht. Ich wäre so gern der erste Tote auf dem Mars. Dann könnte man meine Asche im Bradbury-Graben beisetzen, den man auf dem Mars nach mir benannt hat.
Das Gespräch führte Denis Scheck
ZUR PERSON VON RAY BRADBURY
Der Schriftsteller und Drehbuchautor Ray Bradbury, am 22. August 1920 in Waukegan/Illinois geboren, lebt in Los Angeles. Schon als Schüler machte er sich mit Science-Fiction-Storys einen Namen und vertrieb nach dem Abschluss im Handverkauf sein eigenes Magazin Future Fantasia. Die drei Bücher, deren mit Sozialkritik verbundene visionäre Kraft ihn Mitte des letzten Jahrhunderts berühmt machte, sind jetzt beim Zürcher Diogenes Verlag in revidierten Neuausgaben erschienen. „Die Mars-Chroniken“, „Der illustrierte Mann“ und „Fahrenheit 451“ sind in der Space- Opera-Kassette zusammengefasst (960 Seiten, 39 €). Die Mars-Chroniken liegen auch als ungekürztes Hörbuch vor (8 CDs, 621 Minuten, 29,90 €.) Außerdem gibt es Ausgewählte Erzählungen (661 Seiten, 19,90 €).
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