Globalisierung
Die neue Weltordnung
Die Preisexplosion für Nahrungsmittel und Energie zeigt, dass die alte ökonomische Weltordnung nicht mehr gilt, in der die Länder des Westens auf der Sonnenseite lebten und die große Mehrheit der Menschheit im Schatten
Von Joschka Fischer
Die Folgen der Globalisierung werden immer mehr auch in Europa zur konkreten, mit Angst vor dem drohenden Abstieg besetzten Alltagserfahrung. Aber anstatt sich zu fürchten und abzuschotten oder sich gar in eine nicht wiederkehrende Vergangenheit vor 1989 zurückzusehnen, gilt es, diese Herausforderungen entschlossen anzunehmen und zu handeln. Denn darin liegt auch eine große wirtschaftliche und soziale Chance.
Die Europäer klagen zwar schon seit Längerem über den Verlust von Arbeitsplätzen, und gewiss gehen tatsächlich Arbeitsplätze an die Schwellenländer verloren. Aber der überwiegende Teil dieses Verlustes, vor allem bei gering qualifizierten Beschäftigungen, geht auf die weiter voranschreitende Automatisierung und die neue europäische Wirtschaftsgeografie nach dem Ende des Kalten Kriegs zurück. In einer Gewinn- und Verlustrechnung bei den Arbeitsplätzen ist die Nettobilanz für die Westeuropäer positiv.
Es sind vor allem die dramatisch ansteigenden Energie-, Rohstoff und Nahrungsmittelpreise und die zunehmenden Anzeichen der Überlastung regionaler und globaler Ökosysteme und natürlicher Ressourcen, welche die neue Realität der Globalisierung im Alltag spürbar machen.
Jenseits von Kriegen, Unterentwicklung und Hunger wird die größte Herausforderung für die Menschheit im 21. Jahrhundert der Übergang von dem Minderheitenmodell „westliche Konsumgesellschaft“ hin zum globalen Mehrheitsmodell sein. Bis 1989 umfasste die Weltwirtschaft lediglich 800 Millionen bis 1 Milliarde Menschen in der westlichen Welt. Heute, fast 20 Jahre später, sprechen wir bereits von 2,5 bis 3 Milliarden Menschen. Dies ist zwar noch immer, global gesehen, eine Minderheit, dennoch ist es eine umstürzende Veränderung. Zudem wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis etwa 50 Prozent der Menschheit in Konsumgesellschaften leben wird, die noch vor wenigen Jahrzehnten als typisch westlich galten. Gleichzeitig hält das absolute Wachstum der Menschheit weiter an. Statt heute 6,6 Milliarden werden es im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen sein.
Mehrere Milliarden Menschen haben sich auf den Weg gemacht, denselben Lebensstandard zu erreichen, über den die Amerikaner, Europäer und Japaner bereits seit Längerem verfügen. Und niemand und nichts wird sie vom Erreichen dieses Ziels abhalten können. Dadurch wird die globale Nachfrage allerdings dauerhaft und definitiv das vorhandene Angebot an Energie, Rohstoffen und Nahrungsmittel übersteigen, von den ökologischen Folgen dieses globalen Wachstums ganz zu schweigen.
Einerseits trägt diese Entwicklung in Asien und Lateinamerika bereits heute ganz entscheidend zu den Erfolgen bei der globalen Armutsbekämpfung bei, andererseits treffen die Folgen dieser dramatisch wachsenden Nachfrage aber vor allem die Armen und Ärmsten, denn sie können bei den explodierenden Preisen nicht mithalten.
Die anhaltende Vergrößerung der Weltwirtschaft führt deshalb zu einem echten Dilemma zwischen einem anhaltenden quantitativen und qualitativen Nachfragedruck und der Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Der Sieg des westlichen Marktkapitalismus über das Modell des östlichen Staatskapitalismus, wie es die Sowjetunion und die Volksrepublik China verkörperten, war vor allem auf die wesentlich höhere Produktivität, bessere Effizienz und technologische Innovationsfähigkeit des westlichen Modells zurückzuführen. Auf diese drei Stärken – Produktivität, Effizienz und Innovation – gilt es sich angesichts der gewaltigen Herausforderungen der Globalisierung erneut zu besinnen.
Die Verfügbarkeit von Energie und ihr Preis sind nicht nur die Leitindikatoren des globalen Wachstums, sondern ganz allgemein die Grundlage der modernen Zivilisation. Als erste Reaktion auf eine drohende Energieknappheit oder auf unerwünschte Folgen der Energieerzeugung, wie der Gefährdung des Weltklimas, ertönt in der Regel entweder der Ruf nach einer Expansion der Energieerzeugung und Nahrungsmittelproduktion oder der Ruf nach Verzicht auf Konsum und Wohlstand. Beide Alternativen sind nicht falsch, allein sie tragen nicht sehr weit.
Die Verzichtsoption wird sich wohl nur auf Einzelfälle beschränken und daher nicht wirklich von Bedeutung sein. Denn geht es um das Schicksal von Staaten und Regionen, um Millionen oder gar Milliarden von Menschen und deren Einkommen und Arbeitsplätze - wie etwa bei den Verhandlungen um eine Weltklimaschutzkonvention -, dann schmelzen die schönen Worte und Absichtserklärungen schneller dahin als der Schnee unter der Frühlingssonne. Genau an diesem Widerspruch zwischen Worten und Taten, Absichten und Realität ist der Kyoto-Prozess letztlich gescheitert.
Angesichts der strukturell wachsenden Nachfrage ist der Ruf nach einer massiven Ausdehnung der Energieerzeugung aber auch kaum von der Hand zu weisen. Ohne eine wesentlich höhere Umwelt- und Klimaverträglichkeit der jeweiligen Technologien und ein Ende der Energieverschwendung greift er aber viel zu kurz.
Genau hierin begegnen sich dann die beiden Optionen - Sparen und Ausbau -, denn der relativen Knappheit an Energie steht zugleich eine extrem schlechte, verschwenderische Energieeffizienz gegenüber. Schätzungen gehen für Deutschland davon aus, dass nur 30 Prozent der umgewandelten Primärenergie genutzt werden, während 70 Prozent bei Umwandlungsprozessen verloren gehen. In weniger entwickelten Ländern dürften die Zahlen noch sehr viel schlechter ausfallen.
Unter den neuen Bedingungen einer globalisierten Konsumgesellschaft mit potenziell 5 bis 7 Milliarden Menschen lässt sich, bei fortdauernder Energieverschwendung, deren Energiebedarf weder mit fossilen noch mit nuklearen Energieträgern und auch nicht mit dem heute in den reichen Ländern üblichen „Energiemix“ nachhaltig stillen. All die bekannten Alternativen werden angesichts dieser völlig neuen Größenordnungen nicht mehr funktionieren können! Findet daher die notwendige Mengenexpansion bei gleich bleibend schlechter oder nur geringfügig verbesserter Energieeffizienz statt, so wird dies weder dem Weltklima noch der Energieversorgung helfen können, wohl aber die ökologischen und sozialen Folgekosten erheblich vergrößern.
Was sind in dieser Lage die politischen Optionen? Das Steuer herumreißen und in den reichen Ländern den Energie-, Rohstoff- und Nahrungsmittelverbrauch senken, um so Platz für den wirtschaftlichen Aufholprozess der armen Länder zu schaffen? Diese Option ist wünschenswert, politisch aber kaum durchsetzbar.
So weitermachen wie bisher und den zusätzlichen Verbrauch der Schwellenländer und deren Schadstoffemissionen einfach oben drauflegen? Dies ist die wahrscheinlichste, weil politisch einfachste Option, und genau diese geschieht im Augenblick. Sie ist politisch durchsetzbar, zugleich aber gefährlich kurzsichtig, ja verantwortungslos. Die globale Umweltbelastung wird weiter dramatisch zunehmen und die Preise mit ihren heute sichtbar werdenden sozialen Folgekosten werden weiter davonlaufen.
Oder sollten wir auf eine Produktivitäts- und Effizienzrevolution setzen, mit der mit gleichem oder besser noch geringerem Einsatz bessere Ergebnisse erzielt werden können? Die ist die einzige Option, die tatsächlich greifen würde und zugleich politisch durchsetzbar wäre. Sie setzt in den politischen und wirtschaftlichen Führungen allerdings Mut, Kreativität und ein revolutionäres Verständnis der globalen Lage voraus.
Kapital ist genügend vorhanden, wie die gegenwärtige Finanzkrise zeigt. Der anhaltende Preisdruck wird zudem zu massiven ökonomischen Anreizen für neue Technologien führen, und beide Faktoren können durch die wirtschaftlichen Akteure und die Politik national und international dazu genutzt werden, auf ein radikal neues Effizienzmodell zu setzen. Zum Beispiel müssen die verschwenderisch niedrigen Wirkungsgrade bei Energieerzeugung und -verbrauch definitiv der Vergangenheit angehören. Damit würde sich zugleich so mancher energiepolitischer Glaubenskrieg erledigen.
In Deutschland wird viel über einen neuen Energiekonsens geredet. Und in der Tat ist er angesichts der neuen globalen Realität mehr als notwendig, aber nicht um die alten Schlachten um die Atomenergie zu schlagen, sondern um eine Energiezukunft zu organisieren, die auf einer Effizienzrevolution beruht. Dies wäre nicht nur ökologisch dringend geboten und politisch beispielgebend, sondern wäre zugleich der wichtigste Beitrag zum Klimaschutz und zur Sicherung der wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes. Es wäre auch eine entscheidende Antwort auf die neue Realität der Globalisierung. |