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Hitler im Ermächtigungsjahr 1933

September 10 2008 at 12:59 PM
Erhard Lang  (Login libidopter)
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Als Hitler Kanzler wurde

Es war der Startschuss für die größte Katastrophe der Geschichte: Vor 75 Jahren wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Seine Gegenspieler legten ihm die Macht leichtfertig vor die Füße - eigentlich stand die NSDAP nach Wahlniederlagen, Parteiaustritten und Flügelkämpfen am Abgrund. In einer einestages-Serie zeichnet der Publizist Ernst Piper das entscheidende Jahr 1933 Monat für Monat nach. Erste Folge: Wie es zu Hitlers Triumph im Januar 1933 kam.

Adolf Hitler war ein leidenschaftlicher Verehrer von Richard Wagner. Am Neujahrsabend des Jahres 1933 hörte er in München eine Aufführung der „Meistersinger von Nürnberg“, jener Oper, die später den Reichsparteitagen der NSDAP in Nürnberg festlichen Glanz verlieh. Auch der amtierende Reichskanzler Kurt von Schleicher widmete sich am Neujahrsabend dem Musiktheater. Er hörte in Berlin Jacques Offenbachs Operette „Die Prinzessin von Trapezunt“. An einer Stelle rief einer der Mitwirkenden: „Was machen wir nun?“ Abweichend vom Libretto gab ein anderer zur Antwort: „Wir bilden eine neue Regierung und lösen den Reichstag auf.“

Diese kecke Improvisation wurde vom Publikum mit schallendem Gelächter quittiert. Schleicher grinste süßsäuerlich angesichts des gelungenen Scherzes. Er war erst am 3. Dezember zum Reichskanzler ernannt worden und es war ihm bewusst, dass er auf schwankendem Boden agierte. Schleicher war parteilos und im Reichstag gab es außer den Deutschnationalen keine Kraft, die ihn vorbehaltlos unterstützte. Der Kanzler stand an der Spitze eines sogenannten Präsidialkabinetts, einer Regierung, deren Schicksal ganz vom Wohlwollen des Reichspräsidenten Hindenburg abhing.

Pechsträhne für die Nazis

Nach einer langen Zeit wachsender Erfolge war das abgelaufene Jahr für die Nationalsozialisten ausgesprochenen enttäuschend verlaufen. „Das Jahr 1932 ist eine einzige Pechsträhne“, schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch und der liberale Publizist Gustav Stolper notierte: „Das Jahr 1932 hat Hitlers Glück und Ende gebracht.“

Am 31. Juli hatten die Nazis ihren größten Wahlsieg errungen. Sie waren auf 37,3 Prozent der Stimmen gekommen und stellten nun die mit weitem Abstand stärkste Fraktion im Deutschen Reichstag. Doch als am 6. November erneut gewählt wurde, erlitten sie eine herbe Niederlage. Die NSDAP verlor zwei Millionen Stimmen und 34 ihrer 230 Mandate. Noch massiver waren die Verluste bei den folgenden Kommunalwahlen in verschiedenen Ländern, in Thüringen waren es fast 40 Prozent der Stimmen, die die Partei bei den Reichstagswahlen im Juli erreicht hatte.

Nach dem Wahlerfolg im Sommer hatte man versucht, Adolf Hitler als Vizekanzler gemeinsam mit dem katholischen Zentrum und der deutschnationalen DNVP in eine Regierung der „nationalen Konzentration“ einzubinden. Doch Hitler setzte nach wie vor auf eine Strategie des Alles oder Nichts und war nur bereit, als Kanzler in eine Regierung einzutreten, was aber an Feldmarschall Hindenburg scheiterte, der den „böhmischen Gefreiten“ nicht ernennen wollte.

Atemlose Jagd nach der Macht

Das Ergebnis dieser starren Haltung war, dass die Nazis trotz aller Erfolge am Ende mit leeren Händen da standen. Der populäre Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser trat aus Protest gegen Hitlers Kompromisslosigkeit am 8. Dezember von allen Ämtern zurück. In manchen Gauen kam es zu massenhaften Parteiaustritten. Die Partei, die sich in zahllosen Wahlkämpfen finanziell und physisch verausgabt hatte, stand hart am Rand des Abgrunds. Die atemlose Jagd nach der Macht drohte, ins Leere zu laufen, zumal der Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise überwunden war und die Lage sich zu stabilisieren begann. Im Januar 1933 gab es fast eine Million Arbeitslose weniger als ein Jahr zuvor und die Aktienkurse an der Frankfurter Börse hatten ihren Tiefpunkt hinter sich gelassen und waren im Durchschnitt wieder um 30 Prozent gestiegen.

In dieser Situation kam Hitler am meisten der Umstand zu Hilfe, dass seine Gegner ihn sträflich unterschätzten. Die antidemokratischen Kräfte auf der Rechten glaubten, ihn für ihre Zwecke instrumentalisieren zu können, und die beiden großen demokratischen Parteien, SPD und Zentrum, bekämpften alle Überlegungen, den Reichstag aufzulösen und die dann fälligen Neuwahlen unter Umgehung der Verfassung auf den Herbst 1933 zu verschieben. Sie agierten gegen einen solchen „Reichsnotstand“, als ob die Republik mehr von dem amtierenden Reichskanzler Schleicher als von Hitler bedroht werde.

Nur der ehemalige sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske, der „Bluthund“ vom November 1918, erkannte klar die Alternative: „Wenn ihr Hitler nicht wollt, so müsst ihr Schleicher unterstützen. Wenn er stürzt, haben wir die Nazi-Diktatur.“ So sollte es kommen, doch Noskes Stimme hatte damals kein Gewicht mehr.

Fata Morgana eines Anti-Hitler-Bündnisses

Am 4. Januar 1933 kam es im Privathaus des Kölner Bankiers Kurt von Schröder zu einer folgenschweren Begegnung. Adolf Hitler traf dort mit Franz von Papen zusammen, jenem Mann, den Schleicher erst zum Reichskanzler gemacht und dann im Bündnis mit Hindenburg wieder gestürzt hatte. Die Freundschaft zwischen Schleicher und Papen war über diesem Manöver zerbrochen. In der Vergangenheit hatten die Nazis Papen massiv attackiert, doch nun sah Hitler die Möglichkeit, mit Hilfe des ehemaligen Zentrumspolitikers der Isolation zu entkommen, in die er geraten war.

Papen wiederum witterte die Chance eines politischen Comeback. Er spielte in jenen schicksalsschweren Wochen eine zentrale Rolle, weil er als ehemaliger „Lieblingskanzler“ eine ausgesprochene Vertrauensstellung bei Hindenburg hatte, während Schleicher vielfach glücklos agierte und stetig an Einfluss verlor. Seine Idee eines korporativ organisierten, vorkonstitutionell verfassten Staates, der sich auf ein breites Bündnis von den sozialdemokratischen Gewerkschaften bis zu den gemäßigten Nationalsozialisten des Strasser-Flügels stützen sollte, das blieb eine Fata Morgana.

Alle Ideen, zur Stabilisierung der Regierung die Verfassung zum umgehen, wies Hindenburg brüsk zurück. Er verweigerte Schleicher auch, anders als dessen Vorgängern, die Auflösung des Reichstages, so dass der jederzeit ein Misstrauensvotum gewärtigen musste und angesichts dieser aussichtlosen Lage am 28. Januar 1933, nach gerade 57 Tagen im Amt, zurücktrat. Zuletzt hatte er noch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für 500 Millionen Reichsmark durchgesetzt. Die zwei Millionen Arbeitsplätze, die dadurch entstanden, wurden dann seinem Nachfolger gutgeschrieben.

Gaukeleien für Hindenburg

Mit Schleichers Rücktritt war Papen noch nicht am Ziel. Hindenburg sperrte sich nach wie vor gegen ein Präsidialkabinett unter Hitlers Leitung, am liebsten hätte er Papen noch einmal zum Reichskanzler ernannt. Dem alten Herrn musste deshalb vorgegaukelt werden, dass ein Kanzler Hitler sich auf eine breite parlamentarische Basis stütze. Zunächst verhandelte Papen mit Alfred Hugenberg, dem engstirnigen und reaktionären Vorsitzenden der DNVP. Hugenberg brannte darauf, Minister zu werden, lehnte aber zugleich kategorisch die von Hitler geforderten Neuwahlen ab: Zu Recht befürchtete er, dass seine rückwärtsgewandte Partei in Konkurrenz mit der dynamischen NSDAP weitere Verluste erleiden würde.

Es folgten hektische Gespräche, ohne dass die Frage der Neuwahlen abschließend geklärt wurde. Gleichzeitig verhandelte Papen mit dem „Stahlhelm“, einer nationalistischen Organisation ehemaliger Weltkriegsteilnehmer, die erhebliches politisches Gewicht hatte. Der „Stahlhelm“-Führer Franz Seldte wurde unter Hitler Arbeitsminister. Am Abend berichtete Papen Hindenburg, dass er außerdem auch in Verhandlungen mit dem Zentrum stehe, was nach Lage der Dinge gelogen war.

Die Vereidigung des neuen Kabinetts war für den 30. Januar um 11 Uhr vormittags vorgesehen. Die DNVP sollte fünf Minister stellen, von denen mehrere bereits unter Schleicher amtiert hatten. Auch der parteilose und im Ausland sehr angesehene Außenminister Konstantin von Neurath signalisierte Kontinuität. Parteilos war auch der neue Reichswehrminister General Werner von Blomberg. Für die NSDAP waren nur zwei Ministerposten vorgesehen: Wilhelm Frick als Innenminister und Hermann Göring als Minister ohne Geschäftsbereich. Das sollte Hitlers bürgerlich-konservative Einrahmung deutlich machen, getreu Papens Motto „Wir haben ihn uns engagiert.“

Der Präsident muss warten

Doch als die Uhr elf schlug, wurde noch immer über die Frage der Neuwahlen gestritten. Das war auch noch so, als der Staatssekretär im Reichspräsidialamt Otto Meißner um 11 Uhr 15 darauf hinwies, dass Hindenburg es nicht gewohnt sei, dass man ihn warten lasse, und damit zu rechnen sei, dass er die Vereidigung absage. Schließlich überrumpelte Hitler Hugenberg mit dem Versprechen, er werde unabhängig vom Ausgang der nächsten Reichstagswahlen im Amt bleiben. Hugenberg gab nach, und um 11 Uhr 20 war Hitler Reichskanzler.

Am Schluss des Ernennungskommuniqués hieß es: „Die Besetzung des Reichsjustizministeriums bleibt vorbehalten. Der Reichskanzler wird noch heute Verhandlungen mit dem Zentrum und der Bayerischen Volkspartei aufnehmen.“ Diese Verhandlungen, die in Wirklichkeit nie stattgefunden hatten, wurden am 31. Januar für gescheitert erklärt, und am 1. Februar 1933 löste Hindenburg den Reichstag auf.

Hitler, der beinahe Gescheiterte, war am Ziel.


Als der Reichstag brannte

Rücksichtslos räumte Adolf Hitler aus dem Weg, was sich den Nazis in den ersten Wochen an der Macht in den Weg stellte. In einer einestages-Serie zeichnet der Historiker Ernst Piper das entscheidende Jahr 1933 Monat für Monat nach. Zweite Folge: Bei der Abschaffung der Demokratie kommt Hitler im Februar 1933 ein Zufall zur Hilfe.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler, und die Nazis feierten das als Beginn der nationalsozialistischen Revolution. In Wahrheit war es weniger eine "Machtergreifung" als vielmehr die Aufgabe der Macht durch die alten Eliten. Denn Hitlers Kanzlerschaft war alles andere als unvermeidlich. Sie war gewollt - zuletzt sogar von Reichspräsident Hindenburg, der den "böhmischen Gefreiten" so lange mit Verachtung gestraft hatte. Aber Hitler begann sehr bald, den Rahmen, den man ihm hatte setzen wollen, zu sprengen und die alte Ordnung hinter sich zu lassen. Und jene, die geglaubt hatten, ihn unter Kontrolle halten zu können, legten gegenüber dem neuen starken Mann zum allergrößten Teil ein erstaunliches Maß an Willfährigkeit an den Tag. Hitler bestimmte das Tempo, und das war hoch. Seine konservativen Partner waren, ehe sie es sich versahen, in der Defensive.

Bereits zwei Tage nach seiner Ernennung, am 1. Februar, erreichte Hitler das, was seinem glücklosen Vorgänger Kurt von Schleicher verweigert worden war: Hindenburg löste den Reichstag auf. Neuwahlen wurden für den 5. März angesetzt, es waren die dritten Reichstagswahlen in sieben Monaten. Die offizielle Begründung für den erneuten Wahlgang war Hitlers Wunsch einer "Bestätigung der nationalen Regierung". Er konnte nun erstmals einen Wahlkampf aus dem Amt heraus führen - und hatte die nicht unbegründete Hoffnung, dass daraus Stimmengewinne resultieren würden.

Der Wahlkampf fand in einer Atmosphäre des Terrors und der Einschüchterung statt. SA und SS demonstrierten mit triumphalen Aufmärschen, wer nun das Sagen hatte. Nationalsozialistische Banden überfielen jüdische Einrichtungen, Gewerkschaftsbüros und kommunistische und sozialdemokratische Parteilokale und schreckten auch vor Übergriffen auf Privatwohnungen nicht zurück. Einen Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler hatte die KPD zum Generalstreik aufgerufen.

Verbot von "offensichtlich unrichtigen" Nachrichten

Dieser Aufruf hatte - auch angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen - nur einen bescheidenen Erfolg. Aber er diente als Vorwand, die "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des deutschen Volkes" zu erlassen, die eine massive Einschränkung der in der Verfassung verankerten Grundrechte vorsah und reiche Handhabe zur willkürlichen Verfolgung politscher Gegner bot. Nach der Notverordnung konnten politische Versammlungen und Demonstrationen aufgelöst werden. Zeitungen konnten aus einer Vielzahl von Gründen verboten werden - etwa wenn sie "offensichtlich unrichtige Nachrichten" enthielten oder zum Streik aufriefen. Von diesen Bestimmungen machten die Behörden regen Gebrauch, so dass KPD und SPD, aber immer wieder auch die Zentrumspartei im Wahlkampf durch Verbotsverfügungen erheblich behindert wurden.

Noch gab es wichtige Bereiche, die Hitler nicht unter Kontrolle hatte. Als er am 2. Februar erstmals bei der Vertretung der Länder, dem Reichsrat, auftrat (ihm entspricht heute der Bundesrat), war der Empfang ausgesprochen kühl. Repräsentant des Landes Preußen war der sozialdemokratische Ministerialdirektor Arnold Brecht. Er trat dem Führer der NSDAP mit einer bemerkenswert mutigen Rede entgegen und forderte ihn auf, als Reichskanzler Recht und Gesetz zu achten und in Preußen wieder verfassungsgemäße Zustände herzustellen. Die preußische Landesregierung unter SPD-Ministerpräsident Otto Braun war durch den "Preußenschlag" im Juli 1932 ihres Amtes enthoben worden, hatte aber dagegen vor dem Reichsgericht mit Erfolg geklagt und vertrat das Land weiterhin im Reichsrat.

Preußen hatte anders als das Deutsche Reich seit 1920 immer eine stabile Regierung aus SPD, Zentrum und der Demokratischen Partei gehabt. Die preußische Polizei unter Innenminister Carl Severing (SPD) galt als wichtigster Garant für die Aufrechterhaltung demokratischer Verhältnisse in Deutschland. Dieses letzte demokratische Bollwerk war den Nazis ein Dorn im Auge. Auf Betreiben Hitlers bevollmächtigte Hindenburg den durch den "Preußenschlag" eingesetzten Reichskommissar Franz von Papen, den preußischen Landtag aufzulösen und Neuwahlen auszuschreiben.

Prügelorgien und "wilde" KZs

Reichskommissar für das preußische Innenministerium war seit dem 30. Januar Hermann Göring, der damit auch neuer Dienstherr der Polizei war. Am 17. Februar gab er einen Runderlass heraus, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Die Polizeibehörden wurden aufgefordert, "jede Betätigung für nationale Zwecke und die nationale Propaganda mit allen Kräften zu unterstützen."

Die preußische Polizei sollte aber nicht nur die nationalsozialistische Propaganda unterstützen. Sie sollte auch "gegen kommunistische Terrorakte und Überfälle mit aller Strenge vorgehen und, wenn nötig, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch machen. Der folgende, oft zitierte Satz hat dem Erlass den Namen "Schießerlass" eingebracht: "Polizeibeamte, die in Ausübung dieser Pflichten von der Schusswaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schusswaffengebrauchs von mir gedeckt; wer hingegen in falscher Rücksichtnahme versagt, hat dienststrafrechtliche Folgen zu gewärtigen."

Damit nicht genug, bildete Göring fünf Tage später in einem weiteren Erlass aus Angehörigen von SA, SS und "Stahlhelm" eine Hilfspolizei, die schon bald durch Prügelorgien, willkürliche Verhaftungen, Folterkeller und "wilde KZs" von sich Reden machte.

Die Nazis forderten Spenden

Die Vertreter der Wirtschaft hatten in der Vergangenheit, abgesehen von wenigen prominenten Ausnahmen, auf eine autoritäre Lösung der Staatskrise gesetzt und auf eine Präsidialdiktatur gehofft. Nun spürten sie den neuen Wind und begannen sich verstärkt für den Mann zu interessieren, der nun die Richtlinien der Politik bestimmte. Am 20. Februar trafen Industrielle Hitler im Amtssitz von Reichsminister Göring. Hitler sagte wie immer sehr deutlich, was er wollte: den Marxismus zerschlagen, das untaugliche demokratische System abschaffen und Deutschland wieder zu nationaler Größe führen.

Sein Finanzberater Hjalmar Schacht forderte anschließend von den Anwesenden eine Wahlkampfspende von drei Millionen Reichsmark, denn Geld brauchte die finanziell ausgeblutete Partei ganz dringend. Die Vertreter der IG Farben sagten 400.000 Mark zu, die Deutsche Bank 200.000 und die Wirtschaftsgruppe Bergbau 400.000. Es war die Geburtsstunde der "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft", die die Verbundenheit der Industriekapitäne mit dem kommenden Mann sinnfällig demonstrierte.

Eine Woche nach der Zusammenkunft in Görings Ministerium, am Abend des 27. Februar, gab es ein Großfeuer im Zentrum der Hauptstadt: das Parlament stand in Flammen. "Ein historischer Tag ersten Ranges", notierte der Kunstkritiker und Diplomat Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch: "Das geplante Attentat hat heute stattgefunden, aber nicht auf Hitler, sondern auf das Reichstagsgebäude."

Fanal mit Kohleanzündern

Marinus van der Lubbe aus dem niederländischen Leiden, Angehöriger einer rätekommunistischen Splittergruppe, war zehn Tage zuvor nach Berlin gekommen. Mit Brandstiftungen wollte er ein Zeichen des Protests setzen und dem Ruf nach offener Opposition Nachdruck verleihen. Ausgerüstet mit Kohleanzündern suchte van der Lubbe öffentliche Gebäude auf. Dreimal wurden seine Aktionen frühzeitig entdeckt, so dass die Brände rasch gelöscht werden konnten. Ausgerechnet im Reichstagsgebäude aber hatte der Attentäter Erfolg. Der Plenarsaal brannte völlig aus. Van der Lubbe ließ sich widerstandslos festnehmen.

Hitler, Göring und Goebbels kamen noch am selben Abend an den Ort des Geschehens. Die Bedeutung des Vorgangs war ihnen sofort bewusst, und die folgenden Aktionen rollten mit solcher Geschwindigkeit und Präzision ab, dass rasch das Gerücht entstand, die Nazis hätten selbst das Feuer gelegt. Umgekehrt versuchte die nationalsozialistische Propaganda den Eindruck eines kommunistischen Umsturzversuches zu erwecken. Da mit einem solchen gerechnet worden war, gab es vorbereitete Verhaftungslisten und Aktionspläne. Bereits am nächsten Tag wurde eine "Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" erlassen.

Dieser Ukas, auch "Reichstagsbrandverordnung" genannt, war gewissermaßen die Verfassungsurkunde des Dritten Reiches. Alle wesentlichen Grundrechte wie Meinungs-, Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit wurden "bis auf weiteres" außer Kraft gesetzt. "Bis auf weiteres" bedeutete in diesem Fall bis 1945. Die Todesstrafe wurde durch die Verordnung auf eine Unzahl von Delikten ausgedehnt. Tausende von Oppositionellen, Angehörige der KPD, aber auch viele Sozialdemokraten, Künstler und Schriftsteller wurden verhaftet. Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann stand ebenfalls auf der Verhaftungsliste, doch er hatte Glück und befand sich gerade im Ausland. Albert Einstein, der den Nobelpreis für Physik erhalten hatte, lebte bereits in den USA. Die Zahl der Emigranten nahm jetzt rasch zu.

"Nun läuft die Arbeit wie von selbst," schrieb Goebbels am 28. Februar in sein Tagebuch. Vier Wochen waren die Nazis an der Macht und waren bei der Demontage des Rechtsstaats bereits erschreckend weit vorangekommen. Und Goebbels, der angesicht der damaligen Misserfolge der Nazis Ende 1932 noch ganz verzweifelt gewesen war, notierte: "Es ist wieder eine Lust zu leben."

Der parlamentarische Selbstmord

Mit Beifall in den Untergang: Niemals vorher oder nachher ließ sich eine Demokratie so gefügig zur Schlachtbank führen wie Deutschland vor 75 Jahren. Symbolischer Höhepunkt war der 21. März: Hitler feierte sich beim "Tag von Potsdam" - gleichzeitig wurde das KZ Dachau eröffnet.

Am 5. März 1933 fanden die letzten freien Reichstagswahlen statt. Die Nationalsozialisten, die nun über staatliche Machtmittel verfügten, tat alles zur Mobilisierung der Wählerschaft und tatsächlich wurde eine Rekordbeteiligung von 88,8 Prozent erreicht. Die NSDAP konnte, vor allem aus dem Reservoir der Nichtwähler, einen Zuwachs von 5,5 Millionen Stimmen verbuchen und kam auf 43,9 Prozent. Das beste Ergebnis, das sie je erzielten, zugleich aber deutlich unter der absoluten Mehrheit.

Zu der brauchten sie ihren Koalitionspartner, die deutschnationale "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot", die auf acht Prozent kam. Die Regierung Hitler war damit nach Jahren der Präsidialkabinette die erste, die eine parlamentarische Mehrheit hinter sich hatte. Doch Adolf Hitler war damit keineswegs zufrieden. Er war als Reichskanzler in einer komfortableren Lage als viele seiner Vorgänger, aber er wollte auch etwas ganz anderes. Nach den Reichstagswahlen vom 5. März begann die eigentliche nationalsozialistische "Machtergreifung".

Die Mitte blieb stabil

Die Wahlen waren von einem erheblichen Terror der inzwischen nazistisch infiltrierten Obrigkeit überschattet. Doch die politische Mitte blieb erstaunlich stabil. Das katholische Zentrum hatte allen Diffamierungskampagnen zum Trotz seinen Stimmenanteil in etwa halten können und war bei den Wahlen auf 14 Prozent gekommen. Ähnlich war es bei der SPD, die trotz der Behinderung ihres Wahlkampfes und wiederholten Verboten ihrer Zeitungen 18,3 Prozent der Stimmen erreichte.

Lediglich die KPD verlor angesichts der massiven Einschüchterungen einen Teil ihrer Wähler und kam nur noch auf 12,3 Prozent. Drei Tage nach den Wahlen, am 8. März, wurden die 81 Mandate der KPD auf der Grundlage der Notverordnungen des Reichspräsidenten für ungültig erklärt, wodurch die NSDAP knapp die Mehrheit der Sitze erreichte.

Noch am Abend des 5. März begann die Gleichschaltung der nicht nationalsozialistisch regierten Länder. Reichsinnenminister Frick, einer der wenigen Nationalsozialisten im Kabinett, setzte überall Parteifreunde als Polizeikommissare ein. Die Landesregierungen wurden zum Rücktritt gezwungen, an ihre Stelle traten Reichskommissare.

Gleichschaltung von Polizei und Ländern

Am längsten wehrte sich die Staatsregierung in München unter Ministerpräsident Heinrich Held von der Bayrischen Volkspartei. Doch am 9. März musste auch er weichen und Reichskommissar Ritter von Epp trat an seine Stelle. Epp ernannte kommissarisch Gauleiter Adolf Wagner zum Innenminister und Heinrich Himmler zum Münchner Polizeipräsidenten. Himmler brachte gemeinsam mit Reinhard Heydrich, der Leiter des Politischen Referats wurde, die Politische Polizei der Länder nach und nach unter seine Kontrolle.

Am 13. März erfolgte der nächste Schritt: Die Reichsregierung wurde umgestaltet. Gegen den erfolglosen Widerstand seitens von Papen und Hugenberg setzte Hitler die Berufung des Reichspropagandaleiters der NSDAP Joseph Goebbels ins Kabinett durch. Goebbels trat an die Spitze eines neu geschaffenen Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.

Mit 35 Jahren war er mit Abstand der jüngste Minister: genau war halb so alt wie Hugenberg und 50 Jahre jünger als Reichspräsident Hindenburg, der die Ernennung mit den Worten kommentierte: "Na ja, der Trompeter will halt auch etwas werden."

Maßlose Hetze mit amtlichen Weihen

Der frischgebackene Propaganda-Chef verkörperte das "neue Deutschland", von dem die Nazis so gerne sprachen. Seine maßlose Hetze gegen Juden, Marxisten und Demokraten konnte er nun mit amtlichen Weihen versehen fortsetzen. Nicht zuletzt gebot er als Minister über den Rundfunk, ein neues Medium, das ihn ebenso faszinierte wie der Film.

Der Meister der Massensuggestion beschränkte sich nicht auf seinen offiziellen Auftrag, die Bevölkerung über den "nationalen Wiederaufbau des deutschen Vaterlands" zu informieren. Goebbels wurde zur treibenden Kraft bei der politischen Gleichschaltung des Kulturlebens.

Am 21. März erließ der Reichspräsident eine "Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe", nach der künftig selbst mündliche Kritik an der Regierung oder der NSDAP strafbar war. Zur Aburteilung dieser Vergehen wurden Sondergerichte geschaffen, gegen deren Entscheidung es keine Rechtsmittel gab. Am selben Tag wurde vor den Toren Münchens, in Dachau, das erste Konzentrationslager errichtet.

Der Tag von Potsdam

Der "Völkische Beobachter" meldete dazu: "Hier werden die gesamten kommunistischen und sozialdemokratische Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen, da es auf die Dauer den Staatsapparat zu sehr belastet, diese in den Gerichtsgefängnissen unterzubringen." 5000 politische Häftlinge wurden zunächst in das Konzentrationslager Dachau überführt, das unter Aufsicht der Bayerischen Landpolizei stand, aber schon nach wenigen Wochen von der SS übernommen wurde.

Noch etwas geschah am 21. März. Der neu gewählte Reichstag konstituierte sich in der Potsdamer Garnisonskirche, da das ausgebrannte Reichstagsgebäude in Berlin unbenutzbar war. Dieser "Tag von Potsdam" wurde zu einer letzten Demonstration des wilhelminisch geprägten, nationalkonservativen Deutschland. Im Mittelpunkt stand der greise Reichspräsident, der die 1916 durch den Stahlhelm abgelöste Pickelhaube trug, in vollem Ornat eine endlose Militärparade abnahm und anschließend noch im Triumphzug durch die Stadt fuhr.

Die Kirche war mir 2000 Ehrengästen gefüllt: hohen Beamten, Offizieren, dem diplomatischen Korps, Reichstagsabgeordneten. Die Parlamentarier der KPD waren bereits in Haft oder auf der Flucht, diejenigen der SPD blieben demonstrativ fern. Reichskanzler Adolf Hitler erschien im Cut und mit Zylinder und verbeugte sich tief vor dem Staatsoberhaupt. In der Kirche hielt er eine bemüht staatsmännische Rede, in der er von der "Vermählung zwischen den Symbolen der alten Größe und neuen Kraft" predigte.

Machtpolitische Realitäten unter dem Hakenkreuz

Nach diesem feierlichen Zeremoniell wurden die Abgeordneten in Bussen nach Berlin gebracht. Der Reichstag kam am Nachmittag in der Kroll-Oper am Königsplatz zu seiner ersten eigentlichen Sitzung zusammen. Dort zeigten sich auch die machtpolitischen Realitäten in der Symbolik der neuen Zeit. Die Szenerie war völlig verwandelt. Hitler trug nun wieder die gewohnte Parteiuniform. Nicht mehr die deutschnationalen Farben Schwarz-Weiß-Rot herrschten vor, sondern das nationalsozialistische Braun. Die Stirnseite des Saales wurde von einer gewaltigen Hakenkreuzfahne dominiert.

Der 21. März wurde somit zum Wendepunkt, zur Prelude für die eigentliche Machtergreifung auf der Reichstagssitzung am 23. März. Der SPD-Abgeordnete Josef Felder hat die dramatischen Stunden dieser Reichstagssitzung in seinen Lebenserinnerungen geschildert: "Wir gingen in den Reichstagssaal. Hitler ließ wie ein Star auf sich warten. Schließlich kamen er und sein Gefolge in Parteiuniform im Sturmschritt und mit erhobener Hand."

Botschafter, Gesandte und Prominenz erwarteten Hitler in voll gepferchten Logen, während die gestiefelten Nazis die Hacken zusammenschlugen wie eine preußische Gardekompanie, erinnerte sich Felder. Daraufhin nahm die bürgerliche Mitte und die SPD sichtlich betroffen und schweigend Platz. Der Diktator war eingerahmt von Papen und Hugenberg.

Zuckerbrot und Peitsche

"In diesem Augenblick geschah etwas Ungewöhnliches", so Felder. "SA- und SS-Leute betraten in völlig unzulässiger Weise den Saal der Abgeordneten und bildeten einen dichten Kordon um die Sitze der SPD." Gezischte Drohungen und billige Witze verstummten erst, als Hitler mit seiner programmatischen Rede begann. Bei jedem der sarkastischen Hiebe gegen die SPD, so schien es Felder, als könnten die "braunen Gäste um uns den Zeitpunkt einer 'persönlichen Abrechnung' nicht erwarten". Aber Göring hielt die Meute mit Handbewegungen und ironischem Lächeln immer wieder im Schach.

Ganz anders gingen die Nazis mit dem noch schwankenden Zentrum um, dessen Stimmen sie für das Ermächtigungsgesetz brauchten. Gezielt gab Hitler in gemäßigter Tonart innen- und außenpolitische Zusagen, verbunden mit dem Hinweis auf das Weiterbestehen von Reichstag und Reichsrat und die Rechte des Reichspräsidenten.

Nach der Debatte wurde die Sitzung für drei Stunden unterbrochen, in denen die Fraktionen tagten. Auf Hitlers vage Zusicherung hin, die nationale Regierung sehe in den christlichen Religionsgemeinschaften wichtige Faktoren zum Erhalt des Volkstums, ließ sich das katholische Zentrum schließlich zur Zustimmung bewegen.

Aufbegehren "mit bebendem Herzen"

Kurz nach 18 Uhr kam es zum letzten parlamentarischen Aufbegehren gegen die nationalsozialistische Machtergreifung. Obwohl die Sozialdemokraten von Wohlmeinenden ernstzunehmende Warnungen bekamen, dass ihr Leben in Gefahr sei, würden sie nicht abreisen, kehrten sie alle in den Sitzungssaal zurück. "Viele mit bebendem Herzen", so Felder.

Das Ermächtigungsgesetz, das euphemistisch "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" hieß, wurde schließlich mit 441 Stimmen gegen die 94 Stimmen der SPD angenommen; bereits am nächsten Tag trat es in Kraft. Von jetzt an konnte die Reichsregierung selbst Gesetze erlassen. Die Gewaltenteilung, Grundlage jeder Demokratie, war aufgehoben. Der Reichstag hatte sich selbst entmachtet. Das Ermächtigungsgesetz war der Totenschein für die Weimarer Republik.

Die Abgeordneten aller bürgerlichen Parteien haben diesem demokratischen Suizid am Ende zugestimmt, unter ihnen auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss, der intern zunächst opponiert hatte. Nur die Sozialdemokraten blieben den demokratischen Idealen bis zuletzt treu. Ihr Fraktionsvorsitzender Otto Wels rief den neuen Machthabern noch trotzig zu: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht."

Kampfansage vor dem Kaufhaus

Es war der erste große Gewaltakt der Nazis gegen die deutschen Juden: Heute vor 75 Jahren inszenierten Hitlers Schergen den deutschlandweiten Boykott jüdischer Geschäfte. Die Attacke der selbsternannten Arier gegen die Minderheit scheiterte kläglich - doch Zweifel an den Absichten der Nazis gab es jetzt nicht mehr.

Am 23. März 1933 war das Ermächtigungsgesetz verabschiedet worden. Die Regierung des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler konnte nun ohne Parlament Gesetze beschließen - selbst solche, die von der Verfassung abwichen. Auch konnten sie nun vom Kanzler anstelle des Reichspräsidenten ausgefertigt werden. Damit war Präsident Paul von Hindenburg, in dem viele Angehörige des konservativen Bürgertums das letzte Bollwerk gegen die Nazis gesehen hatten, weitgehend entmachtet. Die nationalsozialistische Prägung des in wenigen Wochen errichteten diktatorischen Regimes wurde immer deutlicher erkennbar.

Die neuen Machthaber inszenierten ihre "Revolution" in drei demonstrativen Gewaltakten. Am 1. April 1933 gab es einen reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, am 2. Mai wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen und am 8. Mai fanden in vielen deutschen Städten Bücherverbrennungen statt. Es waren klare und gezielte Kampfansagen an die jüdische Minderheit, an die organisierte Arbeiterbewegung sowie gegenüber allen regimekritischen Intellektuellen und Wissenschaftlern. Julius Streicher, früher Weggefährte Hitlers und Verleger des primitiven Hetzblattes "Der Stürmer", wurde von Adolf Hitler zum Leiter des "Zentralkomitees zur Abwehr der jüdischen Gräuel- und Boykotthetze" ernannt, das die antisemitischen Aktionen und Boykotte zentral steuerte.

Der offene Terror hatte zu diesem Zeitpunkt schon erste Opfer gefordert. Bereits in den ersten Wochen der braunen Diktatur waren Juden waren auf offener Straße angegriffen, in Folterkeller oder "wilde" Konzentrationslager verschleppt worden. Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen, die Entlassung jüdischer Angestellter und Beamter erzwungen. Kauhäuser, die ganz besonders als Symbole des "raffenden Kapitals" der Juden, im Gegensatz zum "schaffenden Kapital" nichtjüdischer Unternehmer, galten, wurden von entfesselten SA- oder SS-Horden verwüstet.

Parolen aus der Parteizentrale

Doch das alles genügte den neuen Herren noch nicht. Hitler und sein Chefpropagandist Joseph Goebbels dachten über eine zentral gesteuerte Aktion nach, die zum einen gewisse Auswüchse auf lokaler Ebene überwinden und zugleich ein weithin sichtbares Signal setzen sollte. Am 30. März erging aus Berlin ein Rundschreiben an die Parteigliederungen der NSDAP, das es jeder Ortsgruppe der Nazi-Partei zur Pflicht machte, ein Aktionskomitee "zur praktischen, planmäßigen Durchführung des Boykotts jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte" zu bilden.

Tatsächlich marschierten zwei Tage später in allen Teilen des Deutschen Reiches uniformierte Trupps vor den jüdischen Geschäften auf, die in Sprechchören die offizielle Parole riefen: "Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!" Die Schaufenster wurden mit antisemitischen Parolen beschmiert und mit Plakaten beklebt, auf denen in deutscher wie teils auch in englischer Sprache zu lesen stand, Deutsche würden sich gegen die jüdische Gräuelpropaganda wehren und nur bei Deutschen kaufen.

Der gewalttätige Antisemitismus der letzten Monate war im Ausland nicht unbemerkt geblieben. Es hatte kritische Reaktionen in den europäischer Nachbarländer, aber auch in den Vereinigten Staaten gegeben. In einigen Fällen hatten sogar Geschäftsleute ihre Beziehungen zu ihren deutschen Partnern beendet. Dies alles wurde von den Nazis angeprangert als Ergebnis jüdischer "Gräuelpropaganda und Boykotthetze" und galt als Beweis für den Einfluss der Juden in der Welt. Ergebnis dieser perversen Logik war es, dass die sehr berechtigte und eher zurückhaltende Kritik an antisemitischen Übergriffen als Vorwand für noch schlimmere Attacken diente.

Gesinnungsprüfung für Beamte

Die Nazis bewegten sich hier ganz in den Bahnen des modernen Antisemitismus seit der Kaiserzeit. Ihr Handeln war geprägt von dem Wunsch nach einer Rückabwicklung der Judenemanzipation, wie sie im 19. Jahrhundert stattgefunden hatte. Und solange diesen Maßnahmen in Form von Gesetzen ein pseudolegales Mäntelchen umgehängt wurde, war vom deutschnationale Koalitionspartner und auch vom Reichspräsidenten ernsthafter Widerstand nicht zu erwarten.

Doch dem Boykott am 1. April war bei allem propagandistischen Aufwand kein rechter Erfolg beschieden. Am nächsten Tag, einem Sonntag, waren ohnehin alle Geschäfte geschlossen. Am Montag war die Boykottfront schon weitgehend abgebröckelt, am folgenden Tag dann wurde die ganze Aktion sang- und klanglos eingestellt.

Eine Woche nach der Radau-Aktion in den Geschäftsstraßen folgte die erste einschneidende Gesetzgebungsmaßnahme auf der Basis der neuen Rechtslage. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April bestimmte: "Beamte, die nicht-arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen." Hier wurde nun Ernst gemacht mit der von den Nazis seit jeher geforderten "Entfernung" der Juden. Lediglich aus Rücksicht auf Reichspräsident Hindenburg gab es Ausnahmebestimmungen für jüdische Beamte, die im Krieg für Deutschland an der Front gekämpft hatten oder deren Väter oder Söhne gefallen waren. Auch politisch Andersdenkende wurden jetzt nicht länger geschont: "Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden."

Der "Arierparagraph" macht Schule

Ganz im Sinne des neuen Gesetzes folgten Verordnungen, die jüdische Lehrer, Apotheker und Ärzte, Rechtsanwälte und Notare betrafen. Schon früher hatte es in vielen Organisationen sogenannte Arierparagraphen gegeben, die von allen Mitgliedern den Nachweis "arischer", das heißt nichtjüdischer Abstammung verlangten, zum Beispiel bei vielen schlagenden Verbindungen, im Deutschen Turnerbund, beim "Stahlhelm", den Alldeutschen und vielen anderen nationalistischen Verbänden - aber auch beim völkisch orientierten Teil der Lebensreformbewegung, etwa Vereinen der Wandervogel-Bewegung. Nun wurde dieses dem staatsbürgerlichen Gleichheitsgrundsatz widersprechende Apartheiddenken offizielle Regierungspolitik. Weit über tausend sonderrechtliche Vorschriften waren es am Ende, die jüdisches Leben in Deutschland nahezu unmöglich machten.

Noch stand Reichskanzler Hitler formell einer Koalitionsregierung aus seiner NSDAP und der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) vor - doch die Deutschnationalen waren bereits in voller Auflösung. DNVP-Reichsarbeitsminister Franz Seldte, der auch Führer der Kriegsveteranenorganisation "Stahlhelm" war, trat am 27. April zur NSDAP über. Zugleich leitete er die Überführung der jüngeren "Stahlhelm"-Mitglieder in die SA in die Wege, wofür Hitler ihn mit dem Rang eines SA-Obergruppenführers belohnte. Seldte, der all die Jahre immer einen besonders scharfen antidemokratischen Kurs verfolgt hatte, passte sich ohne Mühe in die politische Ordnung des Dritten Reiches ein.

Anders der Vorsitzende der DNVP, der reaktionäre Medienzar Alfred Hugenberg. Er war am 30. Januar 1933 im Alter von 67 Jahren erstmals Minister geworden. Ähnlich wie Vizekanzler Franz von Papen hatte er geglaubt, man könne einen Reichskanzler Hitler "einrahmen" und unter Kontrolle halten; immerhin stellte seinen die Nationalsozialisten zunächst nur zwei von zehn Reichsministern. Doch das erwies sich sehr rasch als Illusion. Die Gewichte verschoben sich rasend schnell zugunsten der Nazis. Als sich die DNVP am 26. Juni 1933 gezwungenermaßen auflöste, trat Hugenberg resigniert von seinem Amt als Reichswirtschaftsminister zurück. Der Mann der Stunde war Hjalmar Schacht, den Hitler am 17. März erneut zum Reichsbankpräsidenten berufen hatte und der sich nun daran machte, die Finanzierung von Hitlers Aufrüstungsplänen sicherzustellen.

Als der 1. Mai braun wurde

Vor 75 Jahren erklärte Adolf Hitler den Kampftag der Arbeiterklasse kurzerhand zum Nazi-Feiertag - und zerschlug am Morgen darauf die freien Gewerkschaften. Dafür schuf Diktator mit der "Deutschen Arbeitsfront" die erste totalitäre Einheitsgewerkschaft der Geschichte, damals die größte Organisation der Welt.

Im März 1933 hatte der aus den Reichstagswahlen gestärkt hervorgegangene Reichskanzler Adolf Hitler mit dem "Ermächtigungsgesetz" das Parlament ausgeschaltet. Im April hatte mit einem Boykott der jüdischen Geschäfte die demonstrative Ausgrenzung der Juden begonnen. Jetzt gingen die Nationalsozialisten gegen die neben den Kirchen mächtigste, vom neuen Regime unabhängige Kraft vor: die Gewerkschaften. Die feierten am 1. Mai traditionell den "Kampftag der Arbeiterklasse" - doch im Jahr eins des "Dritten Reiches" sollte alles ganz anders sein.

Die Reichshauptstadt Berlin war am 1. Mai 1933 mit Fahnen, Girlanden und Spruchbändern geschmückt. "Wir wollen gemeinsam arbeiten und aufbauen", tönte ein Transparent, das die Friedrichstraße überspannte. Schon früh am Morgen marschierten Formationen von Jugendlichen aus allen Bezirken zum Lustgarten in Mitte zur "gewaltigsten Jugendkundgebung, die Berlin je gesehen hat", wie es in einer zeitgenössischen Darstellung hieß. 1200 Sänger des Berliner Sängerbundes stimmten "Deutschland, du mein Vaterland" an. Propagandaminister Joseph Goebbels sprach zu den Hunderttausenden, danach erklang das Horst-Wessel-Lied. Die Hauptrede aber hielt der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg - Hitler wollte dem 85-Jährigen die Begeisterung der Jugend für den neuen deutschen Staat vor Augen führen.

Was das Staatsoberhaupt den jungen Leuten zu sagen hatte, war nicht unbedingt typisch für eine Ansprache zum 1. Mai: "Nur aus Manneszucht und Opfergeist, wie solche sich stets im deutschen Heere bewährt haben, kann ein Geschlecht erstehen, das den großen Aufgaben, vor welche die Geschichte das deutsche Volk stellen wird, gewachsen ist." Hitler forderte zum Schluss "die deutschen Jungen und Mädchen" zu einem dreifachen Hoch auf den "großen Soldaten und Führer des Weltkrieges" auf.

Flugschau über dem völkischen Kampftreffen

Gegen Mittag trafen nach und nach Arbeiterdelegationen aus allen deutschen Ländern auf dem Flughafen Tempelhof ein, wo sie von Hindenburg und Hitler empfangen wurden. Am Nachmittag waren bereits weit über eine Million Menschen auf dem Tempelhofer Feld versammelt. Die Arbeiter hatten am Morgen in ihren Betrieben antreten müssen und waren dann in geschlossener Formation zu dem Flughafengelände marschiert, wo sie in zehn großen Blöcken Aufstellung nahmen. Es traten Arbeiterdichter auf; anschließend gab es eine Flugschau, an der sich neben einer Fliegerstaffel auch das Luftschiff "Graf Zeppelin", ein "Wahrzeichen deutscher Arbeit", beteiligte.

Der Höhepunkt aber kam am Abend, Adolf Hitler hielt eine große Rede. Er rief den versammelten Volksmassen zu: "Das Symbol des Klassenkampfes, des ewigen Streites und Haders wandelt sich nun wieder zum Symbol der großen Einigung und Erhebung der Nation." Seine zentrale Botschaft lautete: "Deutsches Volk, du bist stark, wenn du eins wirst." Das sprach auch viele an, die der nationalsozialistischen Bewegung durchaus skeptisch gegenüberstanden. Der erste Versuch einer Demokratie auf deutschen Boden, unter den ungünstigen Bedingungen eines verlorenen Krieges gestartet, war kein strahlender Erfolg gewesen. Eine Vielzahl von politischen Parteien hatte sich erbittert, oft genug auch blutig, bekämpft. Hitler versprach nun, diese inneren Gegensätze zu überwinden und das Volk zu einen. Der "nationaler Sozialismus" sollte das Völkische mit dem Sozialen versöhnen.

Durch ein Gesetz hatten die Nazis den 1. Mai zum "Feiertag der nationalen Arbeit" erhoben. Auf dem Tempelhofer Feld sagte Hitler, man könne den schönsten Frühlingstag des Jahres nicht als Symbol des Kampfes wählen. Er solle stattdessen für aufbauende Arbeit stehen und ein Zeichen "der völkischen Verbundenheit und damit des Emporstiegs" sein. Es war dies die aggressive Ideologie einer Volksgemeinschaft nationalsozialistischer Couleur. Der Einzelne zählte nichts, seine Bedeutung bestand darin, Glied einer großen Gemeinschaft zu sein. Diese Volksgemeinschaft war exklusiv. Wer zu ihr gehörte und wer nicht, wurde vom Nationalsozialismus nach rassistischen Prinzipien definiert. Deshalb kämpfte man einerseits um die "Heimholung" von Saarländern und Österreichern und grenzte andererseits brutal die jüdischen Mitbürger als "Schädlinge am deutschen Volkskörper" aus. Gleichheit bedeutete hier nicht Egalität, sondern Homogenität.

Autobahnbau zu Niedriglöhnen

Im zweiten Teil seiner Rede am 1. Mai 1933 verkündete Hitler ein großes Arbeitsbeschaffungsprogramm. Der noch heute populärste Teil dieses Programms war der Bau der Reichsautobahnen, wobei häufig übersehen wird, dass dafür damals ein gewaltiger "Niedriglohnsektor" geschaffen wurde. Die Arbeiter wurden gezwungen, dort zu arbeiten, was viele in die Verelendung trieb, denn die Arbeitslöhne, die für den Autobahnbau bezahlt wurden, lagen weit unter den Sozialhilfesätzen. Viele konnten nun ihre Familien nicht mehr ernähren. Wer sich weigerte, wanderte ins KZ.

Die zentrale Berliner Maifeier endete kurz vor Mitternacht mit einem gewaltigen Feuerwerk und dem Abspielen der Nationalhymne. Am nächsten Morgen lernten die deutschen Volksgenossen die andere Seite der Medaille kennen. Am 2. Mai fuhren gegen 10 Uhr Rollkommandos der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation und der SA im ganzen Land vor den Gewerkschaftshäusern vor. Die Gebäude wurden gestürmt, die Organisationen aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt. Das war das vorläufige Ende einer freien Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.

Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" hatte die Führung des sozialdemokratisch orientierten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) ihr Heil in einer opportunistischen Wendung gesucht. Theodor Leipart, seit 1921 Vorsitzender des ADGB, hatte schon im Oktober 1932 erklärt, die Gewerkschaften seien nicht länger bereit, "Parteifesseln zu tragen". Im Frühjahr 1933 wollte man sich "in den Dienst des neuen Staates stellen". Zunächst überließ der ADGB es seinen Mitgliedern, ob sie an der nationalsozialistischen Maifeier teilnehmen wollten, doch am 19. April entschied der Bundesausschuss sich für die Teilnahmepflicht aller Gewerkschaftsmitglieder. Der SPD-Vorsitzende Otto Wels hatte zu Leipart gesagt: "Lass doch lieber das Hakenkreuz mit Gewalt auf die Dächer setzen, ehe Du freiwillig die schwarz-weiß-rote Fahne hisst." Leipart widersprach in der Sache nicht, aber er war ein gebrochener Mann, der für Widerstand keine Kraft mehr hatte.

Die größte Organisation der Welt

Die Funktionäre des ADGB wurden verhaftet, viele gefoltert und nicht wenige auch ermordet. Die Millionen von einfachen Mitgliedern wurden zwangsweise eingegliedert in die am 10. Mai gegründete Deutsche Arbeitsfront (DAF). Die DAF vereinigte alle Arbeiter, Angestellten und Unternehmer, und erreichte 1941 eine Mitgliederzahl von 25 Millionen, was sie zur größten Organisation der Welt machte. Die DAF führte keine Tarifverhandlungen, die Löhne wurden vielmehr von "Treuhändern der Arbeit" festgesetzt. Die Unternehmer waren nun "Betriebsführer", die Arbeiter und Angestellten wurden zur "Gefolgschaft". Gemeinsam sollten sie eine "Betriebsgemeinschaft" bilden.

Am 3. Mai 1933 wählte der Reichsverband der Deutschen Industrie Theodor Adrian von Renteln zum neuen Vorsitzenden. Renteln war zugleich auch Führer des "NS-Kampfbundes des Gewerblichen Mittelstandes" und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages. In der neu geschaffenen DAF übernahm er die Position eines Stabsleiters. Dieses eine Beispiel zeigt schon, wie eng die verschiedenen Wirtschaftsorganisationen miteinander verflochten waren. Ihre wichtigste Aufgabe war es damals, die Umstellung der deutschen Volkswirtschaft auf Kriegsproduktion sicherzustellen.

"Ihr habt aus der Geschichte nichts gelernt!"

Zehn Tage nach der zentralen Maifeier wurden in über 50 deutschen Städten die Scheiterhaufen entzündet. In den Flammen verbrannten die Werke von Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig, Franz Werfel und vielen anderen Schriftstellern, die den neuen Machthabern als Repräsentanten eines "undeutschen Geistes" galten.

Die zentrale Bücherverbrennung fand auf dem Opernplatz in Berlin statt. Goebbels begrüßte die Studenten, die die Träger der Aktion waren, als "Vortrupp eines wirklich revolutionären deutschen Geistes". Tatsächlich waren es in vielen Städten vor allem die Studenten gewesen, von denen die Initiative zu den atavistisch anmutenden Verbrennungen ausgegangen waren, zu Bibliothekssäuberungen, mancherorts auch zu "Schandpfählen" mit missliebigen Büchern und zur Störung von Lehrveranstaltungen nicht-nationalsozialistischer Professoren.

Nach dem Boykott der jüdischen Geschäfte und dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser demonstrierte das neue Regime hier erneut seine Gewaltbereitschaft bei der Durchsetzung seiner Ziele. Auf Widerstand stieß es dabei kaum. Im Ausland dagegen entfachten die Gewalttaten einen Sturm der Entrüstung. Viele glaubten nicht zu Unrecht, dass sich in diesem Terror gegen Andersdenkende der wahre Charakter des neuen Regimes enthülle. Die wegen ihres sozialen Engagements außerordentlich populäre, blinde amerikanische Schriftstellerin Helen Keller schrieb in einem offenen Brief: "Ihr habt aus der Geschichte nichts gelernt, wenn ihr glaubt, Ideen ausrotten zu können. (...) Die Tantiemen aus meinen Büchern, die ich an blinde deutsche Soldaten des Weltkriegs weitergab, spendete ich mit keinem anderen Gedanken in meinem Herzen als der Liebe und des Mitgefühls für das deutsche Volk. Glaubt nicht, dass eure Untaten an den Juden hier nicht bekannt sind. Gott schläft nicht, und sein Urteil wird über euch kommen." Zwölf Jahre brauchten die Deutschen, um zu erkennen, wie recht sie hatte.

Als Hitler die Jugend verführte

Fortuna Düsseldorf wurde Fußballmeister - ansonsten hatten die Deutschen im Juni 1933 andere Dinge im Kopf: Hitler servierte seine Verbündeten ab und verbot die SPD. Stattdessen setzte der 43-jährige "Führer" ganz auf die Jugend - die den Nationalsozialismus begeistert mittrug.

Nach dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser und den Bücherverbrennungen im Mai war der Juni 1933 mehr von einer inneren Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes geprägt. Gerade einmal drei Monate waren vergangen, seit die Regierung Adolf Hitlers durch die Reichstagswahlen vom 5. März mehr oder weniger glanzvoll bestätigt worden war. Und doch saß der Emporkömmling, den noch immer viele Angehörige der alten Eliten in dem Führer der Nationalsozialisten sehen wollten, schon erstaunlich fest im Sattel. Anfangs hatten viele geglaubt, einmal an der Macht werde der Verkünder radikaler Parolen in wenigen Monaten abgewirtschaftet haben. Jetzt aber kam kaum noch jemand auf den Gedanken, Hitlers Herrschaft in Frage zu stellen - zumal sie immer stärkere Züge einer Diktatur annahm.

Das erste Großereignis im Juni 1933 war das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Fortuna Düsseldorf setzte sich am 11. Juni mit einem 3:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 durch. Zur Teilnahme an dem nach dem K.o.-System ausgespielten Wettbewerb berechtigt waren alle dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) angeschlossenen Regionalverbände. Insgesamt gab es damals über 50 höchste Spielklassen im deutschen Fußball. Aus den dort siegreichen Regionalmeistern wurde der nationale Sieger ermittelt.

Die 1933 siegreiche Fortuna aus Düsseldorf etwa hatte zum wiederholten Mal den ersten Platz in der Liga des Westdeutschen Fußballverbands erreicht und danach auf dem Weg zur deutschen Meisterschale noch Rasensport Gleiwitz, Arminia Hannover und Eintracht Frankfurt bezwungen. Die Nationalsozialisten machten diesem komplizierten System ein Ende und schufen 16 Fußballgaue mit jeweils einer Gauliga. Fortan spielten die Gauligameister die deutsche Meisterschaft unter sich aus - in der Saison 1933/34 holte dann Schalke den Titel

Die Jugend wird eingereiht

Wichtiger für die Machtsicherung der NS-Bewegung war ein anderes Ereignis. Am 17. Juni 1933 ernannte Adolf Hitler Baldur von Schirach zum Jugendführer des Deutschen Reiches. Schirach hatte bereits den NS-Schülerbund geleitet und 1928, mit gerade 21 Jahren, auch die Leitung des NS-Studentenbundes übernommen. Im Oktober 1931 hatte Hitler ihn zum "Reichsjugendführer" der NSDAP ernannt. Von diesem Moment an hatte sich der reformpädagogisch erzogene Sohn eines großherzoglich-sächsischen Kammerherrn und einer Amerikanerin ganz auf den Aufbau der Hitlerjugend (HJ) konzentriert, die seinerzeit erst 65.000 Mitglieder zählte.

Nun, kurz nach der Machtübernahme, wertete Hitler Schirachs Parteiposten zum Staatsamt auf. Die Umwandlung der Hitlerjugend zu einem staatlichen Jugendverband vollzog sich nun schrittweise. Konkurrierende Jugendorganisationen der Parteien, Kirchen und Verbände wurden zunehmend an den Rand gedrängt oder einfach verboten. Manche mussten nicht zwangsweise "gleichgeschaltet" werden, sondern lösten sich in vorauseilendem Gehorsam selbst auf, um sich der siegreichen Hakenkreuzfahne anzuschließen. Ende 1933 hatte die HJ so bereits 2,3 Millionen Mitglieder - das entsprach etwa 30 Prozent der gesamten Altersgruppe. Offizielle Staatsjugend wurde sie erst drei Jahre später.

Die Berufung Schirachs entsprach dem nationalsozialistischen Prinzip, das da lautete: "Jugend soll durch Jugend geführt werden". Die Führungskader der HJ waren oftmals kaum älter als die ihnen Anvertrauten. Jugend galt nicht länger als Synonym für Unverstand und mangelnde Erfahrung, für ein Lebensalter, in dem man vor allem noch viel lernen muss, nicht zuletzt auch sich einzufügen. Hier schloss der Nationalsozialismus direkt an Prinzipien der um 1900 entstandenen Jugendbewegung an: Jugend wurde zum Sinnbild der Rebellion gegen das Überkommene und Veraltete - wie es auch das berühmte Titelblatt der gleichnamigen Zeitschrift symbolisiert, auf dem zwei junge Leute einem Greis im Frack auf die Sprünge helfen.

Kurzer Prozess mit den Deutschnationalen

Die Nationalsozialisten machten sich das Aufbegehren und die Vitalität der jungen Generation geschickt zu nutze. Tatsächlich war ihre "Machtergreifung" mit einem politischen Generationswechsel verbunden, der sich auch an der Staatsspitze dokumentierte. Reichspräsident Hindenburg, wie kein zweiter ein Repräsentant der alten Ordnung, war 1933 bereits 85, Hitler dagegen nur 43 Jahre alt.

Auch vor den Deutschnationalen, die offiziell noch immer Hitlers Koalitionspartner in der Reichsregierung waren, machte die Zwangsintegration anderer Jugendorganisationen in die HJ nicht halt. Am 21. Juni 1933 wurde unter dem Vorwand angeblicher marxistischer Unterwanderung eine Großaktion gegen den "Kampfring junger Deutschnationaler" durchgeführt. Mitglieder des deutschnationalen Frontkämpferbundes "Stahlhelm" durften ab sofort nur noch der NSDAP beitreten. Außerdem wurde der "Stahlhelm" in "Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund" umbenannt und am 1. Juli als "Reserve I" der SA angegliedert. "Stahlhelm"-Führer Franz Seldte (DNVP), den Hitler am 30. Januar zum Reichsarbeitsminister ernannt hatte, war schon im April zur NSDAP übergetreten.

Sein Parteikollege Alfred Hugenberg, ehemals Vorstandsvorsitzender der Krupp-Werke und nun Chef eines einflussreichen Medienkonzerns, mochte sich für einen kurzen Moment der Illusion hingegeben haben, dass er als Reichswirtschaftsminister und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft an der Seite Hitlers wirklich etwas zu sagen hatte. Tatsächlich hatte er als Repräsentant der alten Eliten für die Nobilitierung Hitlers gegenüber Hindenburg eine wichtige Rolle gespielt. Und nach den Reichstagswahlen vom 5. März kam dem Vorsitzenden der DNVP als Mehrheitsbeschaffer eine gewisse Bedeutung zu. Doch nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März wurde er nicht mehr gebraucht und geriet zunehmend in die Isolation.

Sozialdemokraten als "Volksfeinde"

Als bekannt wurde, dass Hugenberg auf der Weltwirtschaftskonferenz in London namens der Reichsregierung die Rückgabe der Kolonien in Afrika sowie Siedlungsraum im Osten fordern wollte, intervenierte Hitler. Der "Führer" wollte keine schlafenden Hunde wecken und die geheime Aufrüstung des Deutschen Reiches lieber mit außenpolitischen Friedensreden begleitete. Am 27. Juni musste Hugenberg zurücktreten. Die DNVP löste sich am gleichen Tage auf, ihre Reichstagsabgeordneten schlossen sich der Fraktion der NSDAP an. Auch Hugenberg, der damals schon 68 Jahre alt war, blieb als "Gast der NSDAP" Mitglied des Deutschen Reichstags bis 1945.

Die wichtigste noch legal operierende politische Kraft, die in Opposition zum NS-Regime stand, war die Sozialdemokratie. Am 22. Juni wurde die SPD durch einen Erlass des Reichsinnenministers Wilhelm Frick zur staats- und volksfeindlichen Partei erklärt. Alle Parteimitglieder, die Parlamenten und Gemeindevertretungen angehörten, wurden mit sofortiger Wirkung von der weiteren Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen. Die sozialdemokratische Presse wurde verboten, das Vermögen der Partei beschlagnahmt. Über 3000 Sozialdemokraten wurden verhaftet und kamen in Konzentrationslager, unter ihnen auch der frühere Reichstagspräsident Paul Löbe.

Der am 26. April neu gewählte SPD-Vorstand hatte beschlossen, sicherheitshalber einen Teil seiner Mitglieder ins Ausland zu schicken - eine Entscheidung, die de facto zu einer Spaltung der SPD-Spitze geführt hatte. Die Auslandsgruppe ging zuerst nach Saarbrücken, das unter der Verwaltung des Völkerbunds stand, und wenig später nach Prag. Am 2. Juni erklärte der Exilvorstand gegenüber der Sozialistischen Internationale, die SPD habe ihren Sitz nach Prag verlegt - dem aber widersprachen die in Berlin verbliebenen Genossen. Der Exilvorstand, dem sich mehr und mehr Emigranten anschlossen, versuchte nun, den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror zu organisieren. Die Berliner Sozialdemokraten hielten dagegen - allen Schwierigkeiten zum Trotz - an einem Legalitätskurs fest, um keinen Vorwand für ein Verbot der Partei zu liefern. Dies war auch der Grund, weshalb sich die Rumpffraktion der SPD im Reichstag dazu entschloss, Hitlers außenpolitischer Friedensrede am 17. Mai zuzustimmen. Auf Hitler machte das allerdings keinen Eindruck. Die Sozialdemokraten waren das größte Hindernis für die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur. Ihre Unterdrückung war unausweichlich.

Bloßer Überraschungserfolg Hitlers?

Einer der prominenten Sozialdemokraten, die nach dem Verbot der Partei der Verhaftung entgingen, war Wilhelm Hoegner. Er wurde gewarnt, konnte rechtzeitig fliehen und ging nach Tirol, wo er als Sekretär bei der Sozialdemokratischen Partei Österreichs Arbeit fand. Bevor Hoegner den Weg über die grüne Grenze antrat, traf er sich ein letztes Mal mit Kameraden des pro-republikanischen Schutzbunds "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Mit Blick auf den neuen Reichskanzler Hitler waren sich alle einig: "Wir hielten seinen Sieg für einen bloßen Überraschungserfolg und wähnten, nach den ersten außenpolitischen Rückschlägen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten würde sich das deutsche Volk wie ein täppischer Riese, der im Schlaf gefesselt worden war, strecken und recken und die lächerlichen Bande zerreißen", notierte Hoegner. "Als wir uns zum letzten Male die Hände schüttelten, waren wir frohgemut, und keiner dachte an ein Auseinandergehen für lange Zeit."

Nach Hitlers Ende kehrte Wilhelm Hoegner nach Deutschland zurück, er wurde Ministerpräsident Bayerns und entwarf eine demokratische Verfassung für den Freistaat. Aber bis es so weit war, sollte es zwölf lange Jahre dauern.

Als Hitler die Jugend verführte

Fortuna Düsseldorf wurde Fußballmeister - ansonsten hatten die Deutschen im Juni 1933 andere Dinge im Kopf: Hitler servierte seine Verbündeten ab und verbot die SPD. Stattdessen setzte der 43-jährige "Führer" ganz auf die Jugend - die den Nationalsozialismus begeistert mittrug.

Nach dem Sturm auf die Gewerkschaftshäuser und den Bücherverbrennungen im Mai war der Juni 1933 mehr von einer inneren Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes geprägt. Gerade einmal drei Monate waren vergangen, seit die Regierung Adolf Hitlers durch die Reichstagswahlen vom 5. März mehr oder weniger glanzvoll bestätigt worden war. Und doch saß der Emporkömmling, den noch immer viele Angehörige der alten Eliten in dem Führer der Nationalsozialisten sehen wollten, schon erstaunlich fest im Sattel. Anfangs hatten viele geglaubt, einmal an der Macht werde der Verkünder radikaler Parolen in wenigen Monaten abgewirtschaftet haben. Jetzt aber kam kaum noch jemand auf den Gedanken, Hitlers Herrschaft in Frage zu stellen - zumal sie immer stärkere Züge einer Diktatur annahm.

Das erste Großereignis im Juni 1933 war das Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Fortuna Düsseldorf setzte sich am 11. Juni mit einem 3:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 durch. Zur Teilnahme an dem nach dem K.o.-System ausgespielten Wettbewerb berechtigt waren alle dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) angeschlossenen Regionalverbände. Insgesamt gab es damals über 50 höchste Spielklassen im deutschen Fußball. Aus den dort siegreichen Regionalmeistern wurde der nationale Sieger ermittelt.

Die 1933 siegreiche Fortuna aus Düsseldorf etwa hatte zum wiederholten Mal den ersten Platz in der Liga des Westdeutschen Fußballverbands erreicht und danach auf dem Weg zur deutschen Meisterschale noch Rasensport Gleiwitz, Arminia Hannover und Eintracht Frankfurt bezwungen. Die Nationalsozialisten machten diesem komplizierten System ein Ende und schufen 16 Fußballgaue mit jeweils einer Gauliga. Fortan spielten die Gauligameister die deutsche Meisterschaft unter sich aus - in der Saison 1933/34 holte dann Schalke den Titel

Die Jugend wird eingereiht

Wichtiger für die Machtsicherung der NS-Bewegung war ein anderes Ereignis. Am 17. Juni 1933 ernannte Adolf Hitler Baldur von Schirach zum Jugendführer des Deutschen Reiches. Schirach hatte bereits den NS-Schülerbund geleitet und 1928, mit gerade 21 Jahren, auch die Leitung des NS-Studentenbundes übernommen. Im Oktober 1931 hatte Hitler ihn zum "Reichsjugendführer" der NSDAP ernannt. Von diesem Moment an hatte sich der reformpädagogisch erzogene Sohn eines großherzoglich-sächsischen Kammerherrn und einer Amerikanerin ganz auf den Aufbau der Hitlerjugend (HJ) konzentriert, die seinerzeit erst 65.000 Mitglieder zählte.

Nun, kurz nach der Machtübernahme, wertete Hitler Schirachs Parteiposten zum Staatsamt auf. Die Umwandlung der Hitlerjugend zu einem staatlichen Jugendverband vollzog sich nun schrittweise. Konkurrierende Jugendorganisationen der Parteien, Kirchen und Verbände wurden zunehmend an den Rand gedrängt oder einfach verboten. Manche mussten nicht zwangsweise "gleichgeschaltet" werden, sondern lösten sich in vorauseilendem Gehorsam selbst auf, um sich der siegreichen Hakenkreuzfahne anzuschließen. Ende 1933 hatte die HJ so bereits 2,3 Millionen Mitglieder - das entsprach etwa 30 Prozent der gesamten Altersgruppe. Offizielle Staatsjugend wurde sie erst drei Jahre später.

Die Berufung Schirachs entsprach dem nationalsozialistischen Prinzip, das da lautete: "Jugend soll durch Jugend geführt werden". Die Führungskader der HJ waren oftmals kaum älter als die ihnen Anvertrauten. Jugend galt nicht länger als Synonym für Unverstand und mangelnde Erfahrung, für ein Lebensalter, in dem man vor allem noch viel lernen muss, nicht zuletzt auch sich einzufügen. Hier schloss der Nationalsozialismus direkt an Prinzipien der um 1900 entstandenen Jugendbewegung an: Jugend wurde zum Sinnbild der Rebellion gegen das Überkommene und Veraltete - wie es auch das berühmte Titelblatt der gleichnamigen Zeitschrift symbolisiert, auf dem zwei junge Leute einem Greis im Frack auf die Sprünge helfen.

Kurzer Prozess mit den Deutschnationalen

Die Nationalsozialisten machten sich das Aufbegehren und die Vitalität der jungen Generation geschickt zu nutze. Tatsächlich war ihre "Machtergreifung" mit einem politischen Generationswechsel verbunden, der sich auch an der Staatsspitze dokumentierte. Reichspräsident Hindenburg, wie kein zweiter ein Repräsentant der alten Ordnung, war 1933 bereits 85, Hitler dagegen nur 43 Jahre alt.

Auch vor den Deutschnationalen, die offiziell noch immer Hitlers Koalitionspartner in der Reichsregierung waren, machte die Zwangsintegration anderer Jugendorganisationen in die HJ nicht halt. Am 21. Juni 1933 wurde unter dem Vorwand angeblicher marxistischer Unterwanderung eine Großaktion gegen den "Kampfring junger Deutschnationaler" durchgeführt. Mitglieder des deutschnationalen Frontkämpferbundes "Stahlhelm" durften ab sofort nur noch der NSDAP beitreten. Außerdem wurde der "Stahlhelm" in "Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund" umbenannt und am 1. Juli als "Reserve I" der SA angegliedert. "Stahlhelm"-Führer Franz Seldte (DNVP), den Hitler am 30. Januar zum Reichsarbeitsminister ernannt hatte, war schon im April zur NSDAP übergetreten.

Sein Parteikollege Alfred Hugenberg, ehemals Vorstandsvorsitzender der Krupp-Werke und nun Chef eines einflussreichen Medienkonzerns, mochte sich für einen kurzen Moment der Illusion hingegeben haben, dass er als Reichswirtschaftsminister und Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft an der Seite Hitlers wirklich etwas zu sagen hatte. Tatsächlich hatte er als Repräsentant der alten Eliten für die Nobilitierung Hitlers gegenüber Hindenburg eine wichtige Rolle gespielt. Und nach den Reichstagswahlen vom 5. März kam dem Vorsitzenden der DNVP als Mehrheitsbeschaffer eine gewisse Bedeutung zu. Doch nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 23. März wurde er nicht mehr gebraucht und geriet zunehmend in die Isolation.

Sozialdemokraten als "Volksfeinde"

Als bekannt wurde, dass Hugenberg auf der Weltwirtschaftskonferenz in London namens der Reichsregierung die Rückgabe der Kolonien in Afrika sowie Siedlungsraum im Osten fordern wollte, intervenierte Hitler. Der "Führer" wollte keine schlafenden Hunde wecken und die geheime Aufrüstung des Deutschen Reiches lieber mit außenpolitischen Friedensreden begleitete. Am 27. Juni musste Hugenberg zurücktreten. Die DNVP löste sich am gleichen Tage auf, ihre Reichstagsabgeordneten schlossen sich der Fraktion der NSDAP an. Auch Hugenberg, der damals schon 68 Jahre alt war, blieb als "Gast der NSDAP" Mitglied des Deutschen Reichstags bis 1945.

Die wichtigste noch legal operierende politische Kraft, die in Opposition zum NS-Regime stand, war die Sozialdemokratie. Am 22. Juni wurde die SPD durch einen Erlass des Reichsinnenministers Wilhelm Frick zur staats- und volksfeindlichen Partei erklärt. Alle Parteimitglieder, die Parlamenten und Gemeindevertretungen angehörten, wurden mit sofortiger Wirkung von der weiteren Ausübung ihrer Mandate ausgeschlossen. Die sozialdemokratische Presse wurde verboten, das Vermögen der Partei beschlagnahmt. Über 3000 Sozialdemokraten wurden verhaftet und kamen in Konzentrationslager, unter ihnen auch der frühere Reichstagspräsident Paul Löbe.

Der am 26. April neu gewählte SPD-Vorstand hatte beschlossen, sicherheitshalber einen Teil seiner Mitglieder ins Ausland zu schicken - eine Entscheidung, die de facto zu einer Spaltung der SPD-Spitze geführt hatte. Die Auslandsgruppe ging zuerst nach Saarbrücken, das unter der Verwaltung des Völkerbunds stand, und wenig später nach Prag. Am 2. Juni erklärte der Exilvorstand gegenüber der Sozialistischen Internationale, die SPD habe ihren Sitz nach Prag verlegt - dem aber widersprachen die in Berlin verbliebenen Genossen. Der Exilvorstand, dem sich mehr und mehr Emigranten anschlossen, versuchte nun, den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror zu organisieren. Die Berliner Sozialdemokraten hielten dagegen - allen Schwierigkeiten zum Trotz - an einem Legalitätskurs fest, um keinen Vorwand für ein Verbot der Partei zu liefern. Dies war auch der Grund, weshalb sich die Rumpffraktion der SPD im Reichstag dazu entschloss, Hitlers außenpolitischer Friedensrede am 17. Mai zuzustimmen. Auf Hitler machte das allerdings keinen Eindruck. Die Sozialdemokraten waren das größte Hindernis für die Errichtung einer nationalsozialistischen Diktatur. Ihre Unterdrückung war unausweichlich.

Bloßer Überraschungserfolg Hitlers?

Einer der prominenten Sozialdemokraten, die nach dem Verbot der Partei der Verhaftung entgingen, war Wilhelm Hoegner. Er wurde gewarnt, konnte rechtzeitig fliehen und ging nach Tirol, wo er als Sekretär bei der Sozialdemokratischen Partei Österreichs Arbeit fand. Bevor Hoegner den Weg über die grüne Grenze antrat, traf er sich ein letztes Mal mit Kameraden des pro-republikanischen Schutzbunds "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Mit Blick auf den neuen Reichskanzler Hitler waren sich alle einig: "Wir hielten seinen Sieg für einen bloßen Überraschungserfolg und wähnten, nach den ersten außenpolitischen Rückschlägen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten würde sich das deutsche Volk wie ein täppischer Riese, der im Schlaf gefesselt worden war, strecken und recken und die lächerlichen Bande zerreißen", notierte Hoegner. "Als wir uns zum letzten Male die Hände schüttelten, waren wir frohgemut, und keiner dachte an ein Auseinandergehen für lange Zeit."

Nach Hitlers Ende kehrte Wilhelm Hoegner nach Deutschland zurück, er wurde Ministerpräsident Bayerns und entwarf eine demokratische Verfassung für den Freistaat. Aber bis es so weit war, sollte es zwölf lange Jahre dauern.

Wie Hitler die "Volksgemeinschaft" formte

Es war der Schlusspunkt zur Abschaffung der Demokratie: Am 14. Juli 1933 erhob Hitler die NSDAP zur Staatspartei, machte Zwangssterilisation zum Gesetz und bürgerte Zehntausende Oppositionelle aus. Kurz darauf verstummte plötzlich auch die wichtigste unabhängige Kraft im Land.

In wenigen Monaten hatte Adolf Hitler nach seinem Amtsantritt im Januar 1933 das System der parlamentarischen Demokratie, bis dahin halbwegs intakt, zertrümmert. Das Parlament war entmachtet, die nationalkonservativen Koalitionspartner an die Wand gedrückt und die Parteienlandschaft durch Verbote und erzwungene Selbstauflösungen eingeebnet. Den formalen Schlusspunkt unter die Abschaffung der Demokratie setzte am 14. Juli 1933 das "Gesetz gegen die Neubildung von Parteien". Der erste Paragraph lautete ganz lapidar: "In Deutschland besteht als einzige Partei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei."

Wer es forthin unternahm, sich weiterhin für eine der anderen Parteien zu betätigen oder eine neue zu bilden, wurde mit Zuchthaus bis zu drei Jahren bestraft. Die 2,5 Millionen Mitglieder, die die NSDAP damals hatte, wurden damit Repräsentanten eines politischen Alleinvertretungsanspruchs, zur Avantgarde eines gesellschaftlichen Umgestaltungsprozesses, an dessen Ende eine nationalsozialistisch geformte "Volksgemeinschaft" stehen sollte.

Am selben Tag erließ die NS-Regierung auch das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Es sah die Möglichkeit der Zwangssterilisierung vor und war ein wichtiger erster Baustein zur Umsetzung der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Die Erbkrankheiten im Sinne dieses Gesetzes reichten von "angeborenem Schwachsinn" über Schizophrenie und erbliche Blindheit oder Taubheit bis zu körperlicher Missbildung. Auch notorische Alkoholiker sollten sterilisiert werden.

"Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens"

Über die zwangsweise Sterilisation entschieden eigens zu diesem Zweck geschaffene "Erbgesundheitsgerichte". Der einschlägige juristische Fachkommentar sagte klar und deutlich, worum es ging: "Ziel der dem deutschen Volk artgemäßen Erb- und Rassenpflege ist eine ausreichend große Zahl erbgesunder, für das deutsche Volk rassisch wertvoller, kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der Zuchtgedanke ist Kerngehalt des Rassegedankens. Die künftigen Rechtswahrer müssen sich über das Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein." Die "Rechtswahrer" waren im Jargon des "Dritten Reiches" die Juristen. Sie leisteten ganze Arbeit - etwa 400.000 Menschen wurden nach diesem perversen Gesetz zwangssterilisiert.

Die Ärzteschaft war bei der Erledigung dieses Auftrags sehr engagiert. Allein der Direktor der städtischen Frauenklinik Dresden-Friedrichstadt, SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger, führte mehr als 1000 der Eingriffe durch. Dabei ging man nicht besonders rücksichtsvoll vor. Viele Opfer waren geschwächt durch vorausgehende Aufenthalte in Pflegeheimen, so dass etwa 5500 Frauen und 600 Männer die Zwangssterilisierung nicht überlebten.

Auch das dritte, am 14. Juli erlassene Gesetz diente der Formierung der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft". Das "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit" bestimmte, dass Reichsangehörige, die sich im Ausland aufhielten, ihre deutsche Staatsangehörigkeit verlieren konnten, wenn sie "deutsche Belange" schädigten oder gegen die "Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk" verstießen. Diese Bestimmungen richteten sich gegen die Emigranten. Über 30.000 Menschen waren in den ersten Monaten der NS-Herrschaft bereits ins Ausland geflohen - unter ihnen viele international angesehene Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler, von denen manch einer seine Stimme auch im Exil gegen die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten erhob.

"Eine Großtat von unermesslichem Segen"

Die erste Ausbürgerungsliste wurde am 23. August veröffentlicht. Sie umfasste 33 Namen, unter ihnen die Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann und Ernst Toller, die Politiker Wilhelm Pieck (KPD), Philipp Scheidemann und Otto Wels (beide SPD), der frühere Berliner Polizeipräsident Albert Grzesinski und sein Stellvertreter Bernhard Weiß, der Hochschullehrer Emil Julius Gumbel und der Publizist Alfred Kerr. Sie alle waren nun staatenlos und verloren damit jeden diplomatischen Schutz. Ihr in der Heimat verbliebenes Vermögen wurde vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Bis zum Ende des Dritten Reiches fielen mehr als 39.000 Menschen diesem Ausbürgerungsgesetz zum Opfer, unter ihnen über hundert ehemalige Reichstagsabgeordnete.

Alle diese Maßnahmen festigten die nationalsozialistische Diktatur im Inneren, mehrten aber nicht gerade das Ansehen des NS-Regimes auf internationaler Bühne. Außenpolitisch war die Regierung Hitler zunächst einmal ziemlich isoliert. Die Gewalttaten gegen Oppositionelle, Anschläge auf jüdische Geschäfte und vor allem die Bücherverbrennungen hatten im Ausland ein verheerendes Echo. In dieser Situation gelang Hitler am 20. Juli 1933 durch den Abschluss des Konkordats mit dem Vatikan ein doppelter Befreiungsschlag. Es sorgte für Ruhe im Verhältnis zu den Kirchen, der wichtigsten vom Staat unabhängigen gesellschaftlichen Kraft im Lande, und verschaffte den Nazis zugleich auch internationale Anerkennung.

In der Reichskanzlei stapelten sich Dankschreiben deutscher Bischöfe - derselben Kirchenmänner, die noch wenige Jahre zuvor in Kanzelabkündigungen vor der NSDAP gewarnt hatten. Der Münchner Erzbischof Kardinal Faulhaber schrieb dem Reichskanzler: "Was die alten Parlamente und Parteien in 60 Jahren nicht fertigbrachten, hat Ihr staatsmännischer Weitblick in sechs Monaten verwirklicht.“ Für Deutschlands Ansehen in der Welt bedeute dieser Handschlag mit dem Papst "eine Großtat von unermesslichem Segen“.

Kampf um Kruzifixe im Klassenzimmer

Tatsächlich wuchs die Reputation der Regierung Hitler durch das Konkordat beträchtlich. Zugleich glaubten die Männer der Kirche wohl, in der Auseinandersetzung mit den Nazis, einen wichtigen Etappensieg errungen zu haben. Das NSDAP-Parteiblatt "Völkischer Beobachter" veröffentlichte den Konkordatstext auf einer ganzen Seite und schrieb im Vorspann: "Der Staat ist in Zukunft der Garant der christlichen Mission der Kirche." Bekenntnisschule und religiöse Erziehung der Jugend waren nun ebenso offiziell garantiert wie die Mitwirkung der Kirche bei der Besetzung theologischer Lehrstühle. Dafür hatten der frühere Reichskanzler Papen und Prälat Kaas vom "Römischen Flügel" der Zentrumspartei, die maßgeblich zum Zustandekommen des Konkordats beigetragen hatten, jegliche politische Organisation des deutschen Katholizismus preisgegeben. Auch die christlichen Gewerkschaften wurden aufgelöst.

Der Vatikan und mit ihm die deutschen Bischöfe erhofften sich von ihren verbliebenen, nun immerhin verbrieften Rechten und Privilegien eine gesicherte Position in dem sich nach der "Machtergreifung" bald abzeichnenden Kirchenkampf. Für Hitler bedeutete das Konkordat nicht nur international einen enormen Prestigegewinn, es steigerte auch sein Ansehen bei den Gläubigen im Lande und verlieh ihm die Aura der Legitimität. Faulhaber verstieg sich zu der These, Hitler sei ungleich legaler ins Amt gekommen als die mit dem Ludergeruch der Revolution behaftete Regierung von 1918.

Hitler, der selbst nie aus der Kirche austrat und oft als Taufpate für die Kinder prominenter Parteigenossen fungierte, hatte einen enormen Respekt vor der Macht der Kirchen, mit denen er erst nach dem "Endsieg" abrechnen wollte. Er hatte eine Frontstellung gegen die Kirchen immer sorgfältig vermieden. Trotzdem sahen die Kirchen sich ständig zu neuen Protesten gegen die Behinderung ihrer Arbeit veranlasst. Dabei fanden Kardinal Faulhaber und nicht wenige seiner Amtsbrüder deutliche Worte der Kritik, wenn der Besitzstand der Kirche angetastet wurde, etwa weil ein Gauleiter auf die Idee kam, in den Schulräumen die Kreuze abhängen zu lassen.

Doch als 1938 die Synagogen brannten, verfielen die Kirchenfürsten in beredtes Schweigen.

Der faule Nazi-Zauber von Nürnberg

Die SS marschierte, Leni Riefenstahl filmte: Vor 75 Jahren inszenierte Adolf Hitler den bombastischen "Reichsparteitag des Sieges" mit Massenaufmärschen und dem weltgrößten Feuerwerk. Nur Riefenstahls Propagandafilm wurde einkassiert - Hitler hatte den zweiten Hauptdarsteller nach dem Parteitag ermorden lassen.

Hitlers Propagandachef war euphorisch: "Nürnberger Parteitag beschlossen", notierte Joseph Goebbels am 29. Juli 1933 in sein Tagebuch. "Wird ganz groß." Eine Woche zuvor hatte der Nürnberger Stadtrat den "Führer" über den Stand der Vorbereitungen in der Frankenmetropole unterrichtet. Mochte München sich als "Hauptstadt der Bewegung" fühlen - Nürnberg, so die Hoffnung der dortigen Stadtväter, werde im gerade ausgerufenen "Tausendjährigen Reich" der Nationalsozialisten zur Stadt der NSDAP-Parteitage werden.

Und Hitler ließ durchaus Sympathie für die Stadt der Meistersinger erkennen. Zu leicht aber wollte er es den eilfertigen Honoratioren von der Pegnitz auch nicht machen. Stuttgart bewerbe sich ebenfalls um die Ausrichtung des ersten "Reichsparteitags" der NSDAP nach der "Machtergreifung", ließ er die Nürnberger wissen. Zur Bedingung für den Zuschlag machte Hitler die Abholzung des alten, eigentlich unter Schutz stehenden Baumbestands im Luitpoldhain, angelegt 1906 zu Ehren des bayerischen Prinzregenten, der in der Vergangenheit der Bayerischen Landesausstellung Raum geboten hatte. Nun wurde hier ein Aufmarschareal für 150.000 Menschen angelegt.

Schon einmal, im Jahr 1929, hatte die NSDAP ihren Parteitag in Nürnberg, abgehalten. In den darauffolgenden Jahren jedoch hatte die linksliberale Mehrheit im Nürnberger Stadtrat weitere Zusammenkünfte der Braunhemden verhindert. Jetzt aber, wenige Monate nach Hitlers "Machtergreifung", riefen die Nazis ihre Anhänger zur Feier ihres Triumphs wieder nach Nürnberg.

Das gewaltigste Feuerwerk der Welt

Am Abend des 30. August 1933, einem Mittwoch, läuteten die Nürnberger Kirchenglocken das Nazi-Treffen ein - Hitler hatte es sich so gewünscht. Der "Führer" begab sich zu einem Empfang in den Rathaussaal, wo der Oberbürgermeister dem "Ritter ohne Furcht und Tadel", wie er den NSDAP-Vorsitzenden und Reichskanzler apostrophierte, einen Originaldruck von Albrecht Dürers Meisterstich "Ritter, Tod und Teufel" überreichte. Der Beschenkte dankte den erfreuten Stadtoberen mit dem Hinweis, "dass unsere Parteitage jetzt und für immer in dieser Stadt stattfinden" würden. Die Nürnberger waren am Ziel.

Der eigentliche Parteikongress begann am Freitag, dem 1. September, mit der Ouvertüre zu Richard Wagners "Meistersingern". Der erste Höhepunkt des großen Spektakels war die "Proklamation des Führers", die Hitler von dem Münchner Gauleiter Adolf Wagner verlesen ließ. Die Proklamation reihte die bekannten NS-Klischees aneinander: Nach schweren Kämpfen hätten die Nationalsozialisten am Ende einen heroischen Sieg errungen und stünden nun an der Schwelle zu einem "Tausendjährigen Reich". Für Außenstehende war wenig Neues zu hören, aber sie waren auch nicht die Adressaten dieser Inszenierung - sie galt den einfachen Parteigenossen, die sich als Teil einer heroischen Tradition fühlen sollten.

Der Nachmittag war der sogenannten Rassenfrage gewidmet. Es sprachen Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Walter Groß. Groß war Mediziner und Leiter des Aufklärungsamts für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, das er kurz zuvor im Auftrag des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes gegründet hatte. (1934 wurde daraus das Rassenpolitische Amt der NSDAP.) Der Rassismus stand im Zentrum des nationalsozialistischen Programms. Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 waren erste Programmpunkte dieses Rassenwahns bereits kurz vor dem NSDAP-Parteitag Gesetz geworden.

Rückwärtssehen verboten

Riesige Aufmärsche prägten den folgenden Tag. Die NSDAP hatte inzwischen mehr als zweieinhalb Millionen Mitglieder - da war es wichtig, den vielen kleinen Funktionären das Gefühl zu geben, dass jeder einen bedeutsamen Beitrag zum Erfolg der Bewegung leisteten. Die braunen Fähnleinführer seien "eine Führerhierarchie, die wie ein Fels unerschütterlich im Getriebe des Lebens steht", schmeichelte der "Führer" den 151.000 "Amtswaltern", die sich zur Großkundgebung formiert hatten. Am Nachmittag waren es 60.000 Hitlerjungen, denen der "Führer" zurief: "Ihr seid das lebende Deutschland der Zukunft." Beschlossen wurde der Tag mit dem "gewaltigsten Feuerwerk der Welt", wie es im offiziellen Parteitagsführer hieß. 30 Pyrotechniker hatten einen Feuerzauber mit 70.000 Explosionen innerhalb einer Stunde vorbereitet.

Alles war minutiös durchgeplant. Die formierte Gemeinschaft namens NSDAP sollte bei den "Volksgenossen" draußen im Reich einen perfekten Eindruck hinterlassen. So waren zum Vorbeimarsch der SS nur "körperlich und rassisch einwandfreie Teilnehmer" zugelassen, die "mit militärisch kurz geschnittenem Haar und gut rasiert anzutreten" hatten. Sogar jede einzelne Bewegung war genau festgelegt: "Auf das Kommando 'Achtung!' wird die linke Hand zum Koppelschloss geführt, die rechte Hand wird durchgeschlagen, jedoch nicht über die Höhe des Koppelschlosses hinaus. Auf das Kommando 'Augen rechts!' blicken alle den Führer an. Der Blick bleibt bis zum Kommando 'Rührt euch!' nach rechts gerichtet. Ein Rückwärtssehen ist verboten."

Auch die SA marschierte am letzten Tag groß auf. Mit inzwischen beinahe drei Millionen Mitgliedern war Hitlers Parteiarmee ein bedeutender Machtfaktor. Ihr selbstbewusster Stabschef Ernst Röhm trat bei allen Veranstaltungen der SA gleichberechtigt neben Adolf Hitler auf: bei der Totenehrung, die den Parteikongress eröffnete, bei der Weihe neuer Fahnen und auch bei der Abnahme des Vorbeimarschs der SA in der Nürnberger Innenstadt. Zugleich zeigte sich hier die Umbruchsituation, in der sich die NSDAP nach der "Machtergreifung" befand: Der Reichsparteitag von 1933 war der erste, bei dem die SA nicht die Mehrheit der Teilnehmer stellte.

Leni Riefenstahl hat ein Problem

Die optische Präsenz von SA-Chef Röhm wurde später zum Problem. Ein knappes Jahr nach dem Parteitag, am 1. Juli 1934, ließ Hitler ihn zusammen mit 80 weiteren SA-Führern im Zuge des sogenannten Röhm-Putschs ermorden. Von Stund an war der ehemalige Weltkriegsoffizier, der für Hitlers Aufstieg eine so wichtige Rolle gespielt hatte, im "Dritten Reich" eine Unperson. Sein Name wurde aus allen Darstellungen getilgt, sein Konterfei aus allen Fotos herausretuschiert. Es hatte ihn nie gegeben. Doch aus dem Parteitagsfilm "Sieg des Glaubens", Leni Riefenstahls erstem NS-Propagandafilm, ließ Röhm sich nicht entfernen. Der Propagandastreifen musste aus dem Verkehr gezogen werden.

Schon im Mai 1933 war Goebbels auf die junge Filmregisseurin zugegangen, die im Jahr zuvor mit ihrem Debüt "Das blaue Licht", einem mystisch-romantischen Bergfilm, Aufsehen erregt hatte. Der Propagandaminister schlug ihr nun einen Hitler-Film vor und notierte anschließend: "Sie ist begeistert davon." Tatsächlich realisierte Riefenstahl, bevor sie dann 1936 die Olympischen Spiele von Berlin verfilmte, in den Jahren 1933 bis 1935 eine Trilogie von Parteitagsfilmen, darunter "Triumph des Willens" von 1934.

Da war sie schon die Lieblingsregisseurin der Nazis und konnte jeden gewünschten Aufwand treiben. 1933 waren die Verhältnisse noch etwas komplizierter. Riefenstahl standen mehrere hochqualifizierte Kameraleute zur Verfügung, doch "Sieg des Glaubens" war am Ende eine Kompilation aus Wochenschauaufnahmen, nachträglich im Studio gedrehten Einstellungen und den Außenaufnahmen, die die Kameramänner geliefert hatten. Der Film ist, ähnlich wie der Parteitag selbst, ein Werk des Übergangs. Riefenstahl erprobt dramaturgische Neuerungen und ungewohnte Perspektiven, lässt aber den verpönten Wochenschaustil noch nicht konsequent hinter sich. Die Partei und ihre berufene Bildgestalterin sind noch dabei, sich zu finden.

"Die modernste Volksvertretung der Welt"

In manchem war der "Reichsparteitag des Sieges" noch ein Provisorium. Noch stand keine der von Albert Speer entworfenen Bauten auf dem späteren "Reichsparteitagsgelände", die Teilnehmer fanden Platz auf rasch zusammengezimmerten Holztribünen. Choreografie und mediale Präsentation hatten noch nicht die Perfektion späterer Jahre. Aber die Manifestation der formierten Volksgemeinschaft war dennoch eindrucksvoll. Der erste Parteitag nach der "Machtergreifung" war, in den Worten von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, die "modernste Volksvertretung der Welt".

Und die Partei nutzte ihre Macht, auch die finanziellen Fragen zu ihrem Vorteil zu regeln. Von den immensen Kosten, die das Parteitagsspektakel verursacht hatte, übernahm die NSDAP nur 196.944 Reichsmark. 1.436.050 Reichsmark der direkten Kosten kamen aus dem nach den Jahren der Weltwirtschaftskrise ohnehin arg strapazierten Haushalt der Stadt Nürnberg. Die "Stadt der Reichsparteitage" zu sein, war kein billiges Vergnügen.

Die Kunst der Anpassung

Goebbels liebte Musik, Film, Theater - zu dumm, dass 1933 kaum ein Künstler Nazi war. Also wurde der Kunstbetrieb brutal gleichgeschaltet, wer sich nicht anpasste, erhielt Berufsverbot. Stars wie Gustaf Gründgens oder Richard Strauss wurden dagegen umgarnt - und ließen es sich gefallen.

Hitler hatte schon in "Mein Kampf" beschrieben, wie man als Rattenfänger zum Erfolg kommt: "Der Sieg einer Idee wird um so eher möglich sein, je umfassender die Propaganda die Menschen in ihrer Gesamtheit bearbeitet und je ausschließlicher, straffer und fester die Organisation ist, die den Kampf schließlich durchführt." Der entscheidenden Bedeutung der Propaganda für die Sicherung seiner Herrschaft war sich der "Führer" der Nationalsozialisten immer bewusst gewesen. Nach der "Machtergreifung" zögerte er nicht, dieser Überzeugung Taten folgen zu lassen.

Seit 1930 war Joseph Goebbels "Reichspropagandaleiter" der NSDAP gewesen. Unmittelbar nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 begann Hitler, die Propagandaabteilung der Partei in eine Regierungsbehörde umzuformen. Nur eine Woche nach dem Wahlgang ernannte Hitler seinen Vertrauten zum "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda". Das neu geschaffene Ministerium wurde aus Abteilungen anderer Reichsministerien zusammengefügt. Vor allem das Innenministerium musste Kompetenzen abgeben - von der Zuständigkeit für nationale Feiertage über Rundfunk, Theaterangelegenheiten und Lichtspielwesen bis hin zum Jugendschutz.

Nicht nur zahlen, auch bestimmen

Goebbels fiel bei der Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauungsdiktatur eine zentle Rolle zu. Eine Verordnung Hitlers vom 30. Juni bestimmte: "Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ist zuständig für alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für Staat, Kultur und Wirtschaft."

Der nationalsozialistische Staat hatte nicht die geringste Absicht, weltanschaulich neutral zu sein. Die in der Weimarer Republik praktizierte Staatsferne in der Kulturpolitik lehnten die Nazis ab - sie wollten Theater und Orchester nicht nur subventionieren, sie wollten auch bestimmen, was gespielt wurde.

Vor allem sollte die von Hitler propagierte "geistige Einwirkung auf die Nation" zentral gesteuert werden. Den Ländern wurden ihre Kompetenzen weitgehend entzogen und im neuen Propagandaministerium gebündelt. Wenige Wochen später trat noch ein Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hinzu. Es stand unter der Leitung des 1930 aus dem Dienst entlassenen Gymnasiallehrers Bernhard Rust, der jetzt für die nationalsozialistische Ausrichtung des Schulsystems in ganz Deutschland zuständig war.

Durchgriff auf das deutsche Kulturleben

Am 22. September 1933 schufen die Nazis mit dem "Reichskulturkammergesetz" ein entscheidendes Instrument zur Steuerung des kulturellen Lebens im Sinne des NS-Staates. Präsident der Reichskulturkammer war qua Amt Propagandaminister Goebbels, der nun sieben Einzelkammern für Schrifttum, Presse, Rundfunk, Theater, Musik, bildende Kunst und Film unterstanden. Diese Konstruktion gab Goebbels direkten Zugriff auf das gesamte deutsche Kulturleben.

Früh hatte der promovierte Germanist und dilettierende Schriftsteller die Bedeutung der neuen Medien Rundfunk und Film erkannt. In seiner Villa auf dem Schwanenwerder in Berlin gab es einen eigenen Saal zur Vorführung neuer Kinofilme. Gern umgab sich der NS-Oberpropagandist mit Künstlern und Intellektuellen und sonnte sich gerne im Scheinwerferlicht der Ufa-Studios. Goebbels' Machtposition war nur dadurch eingeschränkt, dass andere Nazigranden, allen voran der Chefideologe Alfred Rosenberg, ebenfalls den Anspruch erhoben, einen bestimmenden Einfluss auf das kulturelle Leben auszuüben.

Die einzelnen Kammern der Reichskulturkammer fungierten als berufsständische Organisationen mit obligatorischer Mitgliedschaft. Dies entsprach dem korporatistischen Staatsverständnis der Nazis, das jeden zu einem kleinen Glied der großen "Volksgemeinschaft" machen wollte. "Wer bei der Erzeugung, der Wiedergabe, der geistigen oder technischen Verarbeitung, der Verbreitung, der Erhaltung, dem Absatz oder der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut mitwirkt, muss Mitglied der Einzelkammer sein, die für seine Tätigkeit zuständig ist", hieß es in der Durchführungsbestimmung, die sehr streng ausgelegt wurde. Ein Künstler wie Ernst Barlach etwa musste Mitglied von gleich zwei Kammern werden. Als Schriftsteller war der Autor des "Blauen Boll" Mitglied der Reichsschrifttumskammer, für den Grafiker und Bildhauer war die Reichskammer der bildenden Künste zuständig.

Berufsverbot und "ungemalte Bilder"

Als Künstler tätig konnte nur sein, wer in der Kammer organisiert war - er hatte aber keinen Anspruch darauf, aufgenommen zu werden. Wer die "für die Ausübung seiner Tätigkeit erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung" in den Augen der neuen Herren nicht besaß, konnte aus der Kammer ausgeschlossen werden. Das aber war gleichbedeutend mit einem Berufsverbot. Der Maler Emil Nolde nannte die Aquarelle, die er geschaffen hatte, nachdem ihm ein Malverbot auferlegt worden war, deshalb seine "ungemalten Bilder".

Zur Verdrängung der jüdischen Minderheit aus der deutschen Gesellschaft, die dem Holocaust vorausging, gehörte auch die "Entjudung des deutschen Kulturlebens". Im Mai 1936 wurde der arische Abstammungsnachweis zur obligatorischen Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer. Schon in den ersten Monaten nach der "Machtergreifung" hatte es Massenentlassungen von jüdischen Künstlern bei Theatern, Opernhäusern, Orchestern, Museen und anderen öffentlichen Einrichtungen gegeben. 1936 wurden auch die letzten noch verbliebenen Juden aus der Reichskulturkammer geworfen und damit von einer weiteren Berufsausübung ausgeschlossen.

Ihnen blieb allenfalls die Möglichkeit, im Rahmen des im Juli 1933 gegründeten Kulturbunds Deutscher Juden aktiv zu werden. Dieser Bund bildete ein kleines kulturelles Ghetto, insbesondere in Berlin, wo fast ein Drittel der deutschen Juden lebte. Täglich gab es Theateraufführungen, Konzerte, Filmvorführungen, Vorträge und anderes mehr. Aber all das spielte sich hinter verschlossenen Türen ab. Nichtjuden war die Anwesenheit untersagt. Werke von Autoren und Komponisten, die als "deutsch" galten, durften nicht aufgeführt werden.

Es gab kaum Nazis, die Künstler von Rang waren

Während kommunistische Diktaturen zur Kontrolle von Wirtschaft und Industrie, aber auch von Verlagswesen, Kunsthandel oder Musikbetrieb meist auf Verstaatlichung setzten, verfolgten die Nationalsozialisten eine effektivere Strategie. Die Verstaatlichung der Großindustrie stand angesichts der Unterstützung, die Hitler bei vielen Industriellen genoss, ohnehin nicht zur Debatte. Aber auch im Kultursektor setzte man weniger auf die Übernahme der Unternehmen als auf die Formierung der Gesellschaft durch die möglichst lückenlose Erfassung und Kontrolle der Menschen. Die Verabschiedung des Reichskulturkammergesetzes am 22. September 1933 war ein entscheidendes Datum für die nationalsozialistische Ausrichtung des deutschen Kulturlebens.

Dabei gab es kaum überzeugte Nationalsozialisten, die zugleich Künstler von Rang waren. Umso mehr fiel ins Gewicht, dass so viele hervorragende Künstler sich dem NS-Regime zur Verfügung stellten - die Schauspieler Heinrich George und Gustaf Gründgens etwa, die Dichter Gottfried Benn und Gerhard Hauptmann, die Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Richard Strauss. Strauss allerdings wurde bald ein Opfer seiner Naivität. Im Februar 1934 eröffnete er mit einer brav nationalsozialistischen Rede die erste Tagung der Reichsmusikkammer. Gleichzeitig arbeitete er weiterhin mit jüdischen Librettisten zusammen, den er in einem Brief wissen ließ, dass er sich nur aus Opportunismus, nicht aber aus innerer Überzeugung dem neuen Regime zur Verfügung gestellt habe.

Natürlich fiel das Schreiben des berühmten Kapellmeisters der Gestapo in die Hände - Strauss musste die Präsidentschaft der Reichsmusikammer aus "gesundheitlichen Gründen" niederlegen und eine unterwürfige Ergebenheitsadresse an den "großen Gestalter des deutschen Gesamtlebens" Adolf Hitler abgeben. Ansonsten blieb der Komponist unbehelligt, auch wenn NS-Chefideologe Alfred Rosenberg bei Hitler vergeblich gegen diese "vom weltanschaulichen Standpunkt der NSDAP unmögliche Situation" protestierte. Der "Führer" allerdings wusste genau um den immensen Wert von Vorzeigekünstlern wie Strauss, die in den ersten Jahren gute Dienste dabei leisteten, seinem Regime im In- und Ausland Anerkennung zu verschaffen.

Als er fest im Sattel saß, mussten dann auch viele Stars hartgesottenen Nationalsozialisten weichen.


Braune Suppe, dicke Brocken

Liebe geht durch den Magen - auch die zum "Führer": Der "Eintopfsonntag" sollte die Deutschen vor 75 Jahren zur NS-Volksgemeinschaft zusammenschweißen. Während ganz Deutschland Suppe löffelte, schaffte Hitler den Parlamentarismus ab und trat aus dem Völkerbund aus.

Es war sozusagen ein Volks-Fest: Am 1. Oktober 1933 feierte Deutschland zu ersten Mal den von den Nazis erfundenen "Eintopfsonntag". Alle deutschen "Volksgenossen" waren angehalten, an diesem Tag bei sich zuhause ein Mittagsmahl aufzutischen, das nicht mehr als 50 Pfennige pro Person kosten sollte.

Aber der Eintopfsonntag wurde nicht nur daheim und in den Gaststätten durchgeführt. Auch ganz demonstrativ in der Öffentlichkeit wurde Sparsamkeit zelebriert. An belebten Orten wie etwa dem Potsdamer Platz in Berlin wurden lange Tischreihen aufgestellt, daneben stand die Gulaschkanone. Ein Transparent verkündete "Berlin isst heute sein Eintopfgericht". Prominente wie Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels oder die Filmschauspielerin Luise Ullrich liefen mit der Sammelbüchse durch die Reihen und forderten Spenden ein für das "Winterhilfswerk" der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Die Aktion wurde mit großem Aufwand propagiert, denn sie sollte sichtbar machen, dass die Idee der "nationalsozialistischen Volksgemeinschaft", in die sich jeder Deutsche einzuordnen hatte, unter den Nazis Wirklichkeit zu werden begann. Die Sammlungen zum Eintopfsonntag erbrachten fortan jedes Jahr dreistellige Millionenbeträge - denn das NS-Regime beließ es mitnichten bei den Sammelbüchsen an öffentlichen Plätzen. Am Abend erschienen SA- oder SS-Leute an den Wohnungstüren und kassierten den Unterschiedsbetrag zwischen den für den Eintopf vorgeschriebenen 50 Pfennigen und dem Normalbetrag für die Zubereitung einer Mahlzeit.

Eintopf für 100 Mark

Auch der der "Führer" beteiligte sich demonstrativ an dem Unternehmen. Adolf Hitler ließ am Eintopfsonntag eine Liste bei Tisch herumgehen, in die jeder seiner Gäste mehr oder minder freiwillig seine Spende eintragen musste. Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister Albert Speer erinnerte sich nach dem Krieg, dass ihn "jeder Eintopf etwa 50 bis 100 Mark" gekostet habe.

Mit dem propagandistischen Erfolg der ersten Eintopfaktion konnte Hitler zufrieden sein, und tags darauf wandte er sich wieder der großen Politik zu. Der "Führer" flog nach Ostpreußen, um Reichspräsident Hindenburg auf dessen Gut Neudeck zum 86. Geburtstag zu gratulieren. Es war eine günstige Gelegenheit, um seine nächsten politischen Ziele in die Tat umzusetzen. Als Reichspräsident hatte Hindenburg noch immer eine bedeutende Machtposition und war bei bestimmten Fragen nicht zu umgehen. So missfiel es Hitler, dass dem Reichstag noch die Abgeordneten der früheren bürgerlichen Parteien angehörten, auch wenn sie nun faktisch Hospitanten der NSDAP waren. Er wollte eine rein nationalsozialistische Akklamationskulisse für seine großen Auftritte vor dem Parlament - den Reichstag aber auflösen konnte der Reichskanzler Hitler nur mit Hilfe des Reichspräsidenten.

Hindenburg hatte keine Einwände, und für den 12. November wurden kurzerhand Neuwahlen angesetzt. Ganz nebenbei löste der Reichspräsident auch noch sämtliche Landtage auf, für die von Neuwahlen "einstweilen abzusehen" sei. Wenige Monate später wurden die Landtage durch das "Gesetz zum Neuaufbau des Reiches" vom 30. Januar 1934 dann abgeschafft.

Austritt aus dem Völkerbund

Hitler brauchte den alten Mann noch für ein zweites Vorhaben: Seit langem war dem Diktator die deutsche Mitgliedschaft im Völkerbund ein Dorn im Auge. Der Völkerbund, erster Versuch einer internationalen Staatenvereinigung, war 1919 gegründet worden; er verwaltete die ehemaligen deutschen Kolonien und war zuständig für die Durchführung der territorialen Bestimmungen des von vielen Deutschen als ungerecht empfundenen Versailler Friedensvertrages. 1926 wurde als Resultat der Verständigungspolitik des Reichsaußenministers Gustav Stresemann auch das Deutsche Reich in den Völkerbund aufgenommen, dem zunächst nur die 32 Siegermächte des Ersten Weltkriegs sowie 13 neutrale Staaten angehörten. Für die Nazis allerdings war der Völkerbund lediglich Exekutor des "Schandfriedens" von Versailles.

Seit 1932 tagte in Genf die ständige Abrüstungskonferenz des Völkerbundes. Der britische Premier Ramsay MacDonald hatte im März 1933 einen Abrüstungsplan vorgelegt, der ein Chemiewaffenverbot und starke Einschränkungen für den Einsatz schwerer Waffen vorsah. Die Streitkräfte Deutschlands und Frankreichs sollten innerhalb von fünf Jahren auf jeweils 200.000 Mann begrenzt werden. Den Deutschen genügte das Entgegenkommen nicht, ein Kompromiss schien in weiter Ferne. Im Juni 1933 beschloss die Abrüstungskonferenz, sich auf den Herbst zu vertagen.

Hitler weigerte sich, über den britischen Abrüstungsvorschlag auch nur zu verhandeln. Statt dessen entschloss er sich, die deutsche Delegation aus Genf abzuziehen - und den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund zu erklären. Hindenburg gab seine Zustimmung.

"Du, deutscher Mann, und du, deutsche Frau…"

Am 14. Oktober, einem Samstag, gab die Reichsregierung bekannt, dass „angesichts der demütigenden und entehrenden Zumutungen der anderen Mächte auf der Genfer Abrüstungskonferenz“ das deutsche Reich an den Verhandlungen nicht mehr teilnehmen werde. Bekanntgegeben wurde diese Entscheidung von Propagandaminister Goebbels, nicht von dem eigentlich zuständigen Außenminister Konstantin von Neurath. Einen Samstag hatte Hitler für seinen Coup mit bedacht gewählt: Er rechnete damit, dass die anderen Regierungen am Wochenende nur verzögert reagieren konnten. Diese Methode hatte System: Auch die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht (1935), die Besetzung des Rheinlandes (1936) und der Einmarsch nach Österreich (1938) wurden an Samstagen verkündet.

Einen Monat darauf fanden die Reichstagswahlen statt - verbunden mit einer Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund. Den Volksgenossen werde so Gelegenheit gegeben, "zu den Schicksalsfragen der deutschen Nation Stellung zu nehmen", wie es typisch schwülstigem Hitler-Deutsch hieß. Am Wahltag 12. November gab es nur einen einzigen Wahlvorschlag, die "Liste des Führers", erwartungsgemäß stimmten 92,2 Prozent der Wahlberechtigten mit Ja.

Die Frage zum Völkerbundaustritt war auf Abstimmungszettel war hoch suggestiv so formuliert: "Billigst Du, deutscher Mann, und Du, deutsche Frau, diese Politik Deiner Reichsregierung und bist Du bereit, Dich feierlich zu ihr zu bekennen?" 95 Prozent der Abstimmenden kreuzten das "Ja" an.

Das Gesetz des Handelns

Die hohe Zustimmungsrate war sicher auch Ergebnis der massiven Propaganda, verbunden mit der Angst, dass abweichendes Verhalten sanktioniert werde. Aber die Entscheidung zum Austritt aus dem Völkerbund fand im Lande durchaus Zustimmung. Hitler hatte den Siegern des Ersten Weltkriegs die Stirn geboten, und viele jubelten. Er hatte das Gesetz des Handelns an sich gerissen und das machte den Deutschen Eindruck.

Mit seiner Überrumpelungstaktik, bei der alles auf eine Karte setzte, hatte Hitler immer wieder Erfolg. Erst 1939 verkalkulierte er sich gründlich. Seine Hoffnung, Frankreich und Großbritannien würden ihm im Osten freie Hand lassen und Polen könnte zum Satellitenstaat im Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion umfunktioniert werden, erfüllte sich nicht. Auf den Einmarsch in Polen am 1. September 1939 folgte - anders als zuvor bei der Besetzung des Rheinlands, Österreichs und des Sudetenlandes - die Kriegserklärung an Hitler und die Deutschen.


Das Haken-Kreuz mit den Wahlen

Heuchelei hoch zehn: Im November 1933 ließ Hitler die Deutschen wählen - die "Liste des Führers" siegte ohne Gegenstimme. Doch als die "Volksgenossen" neun Monate später wieder an die Urne mussten, stimmte jeder Zehnte mit Nein - in manchen Städten sogar noch deutlich mehr.

Am diesem Novembersonntag 1933 wurden die Deutschen landauf, landab durch Spielmannszüge von SA und Hitlerjugend geweckt, die morgens durch die Straßen der Städte und Dörfer zogen. Der Grund für den morgendlichen Trubel: Die "Volksgenossen" sollten einen neuen Reichstag wählen, den ersten im nationalsozialistischen Einparteienstaat. Nebenbei sollten sie per Volksabstimmung den Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund abnicken.

Trotz des ganzen Tamtams: Eine Wahlentscheidung wurde dem Bürger bei diesen Reichstagswahlen nicht mehr abverlangt. Zur Abstimmung stand lediglich die "Liste des Führers". Sozialdemokraten oder Kommunisten standen nicht auf dem Wahlzettel. Der Wahlvorschlag der NSDAP war allerdings um einige politisch weit rechts stehende Nicht-NSDAP-Mitglieder wie Franz von Papen und Alfred Hugenberg erweitert - eine kalkulierte Öffnung. Mit der die Nationalsozialisten auf das konservative Bürgertum zielten, welches den braunen Marschkolonnen, die nun häufig die Straßen unsicher machten, eher skeptisch gegenüber stand.

Auch wenn es keine Alternative an der Urne gab, war dieser Wahlgang doch der erste echte Popularitätstest des neuen Regimes und seines Einparteienstaats. Und so trieben die Nazis erheblichen Aufwand, um ihn zum Erfolg zu machen. Die gesamte Führungsriege der Partei - Hitler, Göring, Goebbels - traten bei Wahlkundgebungen auf. In der Presse wurde getrommelt, die Kirchen veröffentlichten Wahlaufrufe, die die Teilnahme an der Wahl zur vaterländischen Pflicht stilisierten. Am 11. November, einen Tag vor der Abstimmung, schrieb Victor Klemperer in sein Tagebuch: "Die maßlose Propaganda für das 'Ja'. Auf jedem Geschäftswagen, Postwagen, Fahrrad der Postboten, an jedem Haus und Schaufenster, auf breiten Spruchbändern, die über die Straße gespannt sind - überall Sprüche von Hitler, und immer 'Ja' für den Frieden! Es ist die ungeheuerlichste aller Heucheleien."

"Leider sind die Namen der Unbelehrbaren nicht festzustellen"

Kurz zuvor hatte Klemperer notiert: "Was tun wir am 12. November? An die Bewahrung des Wahlgeheimnisses glaubt niemand, an das richtige Stimmenzählen glaubt auch niemand, wozu also Märtyrer sein? Andrerseits: dieser Regierung Ja sagen? Es ist unausdenkbar ekelhaft." Tatsächlich waren die Stimmzettel so gestaltet, dass man nur die "Liste des Führers" ankreuzen konnte. Wer das nicht wollte, hatte nur die Möglichkeit, "Nein" auf den Stimmzettel zu schreiben. Für diese Form der Verweigerung entschied sich schließlich auch Klemperer, während seine Frau Eva einen leeren Stimmzettel abgab.

Trotz der massiven Propagandakampagne, für die sogar der 86-jährige Reichspräsident Hindenburg eingespannt wurde, sahen die Nationalsozialisten dem Ausgang der Abstimmung mit erheblicher Nervosität entgegen. Um auch ja das richtige Ergebnis sicherzustellen, füllten die Wahlleiter die Stimmzettel zum Teil selbst aus. Immer wieder kam es auch vor, dass Personen, die als Regimegegner bekannt waren, in den Wählerverzeichnissen fehlten. Dazu übten SA-Männer und Parteifunktionäre durch ihre Anwesenheit in den Wahllokalen psychischen Druck aus. Wähler, die sich weigerten, einen Stimmzettel auszufüllen, wurden verhaftet. Beamte, die nicht zur Wahl gingen, konnten ihren Arbeitsplatz verlieren. Einem Pastor, der sich weigerte abzustimmen, wurde ein Plakat mit der Aufschrift "Hier wohnt ein Volksverräter" an sein Wohnhaus geklebt. Um ganz sicher zu gehen, gewährte ein vertrauliches Rundschreiben des Reichsinnenministers Wilhelm Frick den Wahlleitern einen "fast unbeschränkten Ermessensspielraum für die Gültigkeitserklärung von Stimmzetteln".

So kam es, wie es kommen sollte: Am Ende betrug die Wahlbeteiligung 95,2 Prozent. Für die "Liste des Führers" stimmten 92,2 Prozent, während 7,8 Prozent der Stimmen ungültig waren. Die Ergebnisse der gleichzeitigen Abstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund waren fast identisch. Immerhin waren trotz der Angst einflößenden Begleitumstände über zwei Millionen Menschen nicht zur Wahl gegangen, und dreieinhalb Millionen hatten es gewagt, eine ungültige Stimme abzugeben. Andererseits war der Druck so groß gewesen, dass sogar die Mehrheit der inhaftierten Regimegegner mit Ja gestimmt hatte. So meldete der Leiter eines Schutzhaftlagers: "Nachstehend teile ich den Wahlausgang im Wahlbezirk Konzentrationslager Glückstadt mit: Es wählten NSDAP 46, ungültig waren 24. Das Ergebnis zeigt, dass rund ein Drittel aller Schutzhäftlinge immer noch nicht begriffen hat oder begreifen will, um was es heute geht. Leider sind die Namen der Unbelehrbaren nicht festzustellen."

"Hier hinein gehen nur Landesverräter"

Die Erleichterung der Machthaber am Tag danach war deutlich spürbar. "Das Wunder des 12. November: Deutschland total nationalsozialistisch", titelte das NSDAP-Zentralorgan "Völkischer Beobachter". Die Hybris der NS-Propaganda steigerte sich noch einmal, als ein knappes Jahr später die nächste Volksabstimmung stattfand: "Hitler ist Deutschland", titelte das Parteiblatt, nachdem am 19. August 1934 die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers - also von Staatsoberhaupt und Regierungschef - zusammengelegt werden sollten.

Doch ganz so einfach war die Sache nicht. Bei dieser Abstimmung, die durch den Tod von Reichspräsident Hindenburg am 2. August 1934 ausgelöst worden war, hatte das NS-Regime den Druck auf die Stimmberechtigten noch einmal massiv gesteigert. So war das "Ja" auf den Stimmzetteln vielfach bereits abgekreuzt, wenn sie den Wählern ausgehändigt wurden. An vielen Orten gab es keine Wahlkabinen, so dass Wähler offen abstimmen mussten. Oder aber die Kabinen waren mit der Aufschrift "Hier hinein gehen nur Landesverräter" versehen worden. In vielen Fällen wurden auch die Nein-Stimmen als Ja-Stimmen gezählt.

Trotz all dieser Manipulationen war aber die Zustimmung zum Regime im August 1934, sieben Wochen nach dem sogenannten Röhm-Putsch, bei dem die Nazis über hundert Menschen ermordet hatten, geringer als im November 1933. Nur noch 89,9 Prozent stimmten diesmal laut offiziellen Angaben mit Ja, aber jeder zehnte Deutsche (10,1 Prozent) hatte den Mut gehabt, Nein zu sagen. Vor allem in den großen Städten, deren Anonymität einigermaßen Schutz bot, gab es viele Abweichler. In Hamburg etwa betrug die Zustimmung nur 73 Prozent und in Berlin 74 Prozent, wobei in den früheren Hochburgen der KPD wie im Wedding der Prozentsatz der Ja-Sager sogar deutlich unter 70 Prozent lag.

"Die 5 Millionen Nein und Ungültig gegen 38 Millionen Ja bedeuten ethisch sehr viel mehr als nur ein Neuntel vom Ganzen", kommentierte Victor Klemperer das Ergebnis in seinem Tagebuch. "Es hat Mut und Besinnung dazu gehört. Man hat alle Wähler eingeschüchtert und betrunken mit Phrasen und Festlärm gemacht. Ein Drittel hat aus Angst, eines aus Betrunkenheit, eines aus Angst und Betrunkenheit Ja gesagt. Eva und ich haben ihr Nein auch nur aus einer gewissen Verzweiflung und nicht ohne Furcht angekreuzt." Klemperer fährt fort: "Dennoch, trotz der moralischen Niederlage: Hitler ist unumschränkter Sieger, und ein Ende ist nicht abzusehen."

Damit sollte er, leider, Recht behalten.


    
This message has been edited by libidopter on Feb 11, 2009 12:33 PM


 

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